Die Angst vor einer nuklearen Eskalation wird immer spürbarer. Kein Wunder: Geopolitische Spannungen sind komplexer geworden, Allianzen brüchiger – und neun Länder verfügen inzwischen über Atomwaffen, mit denen sie jederzeit die größte denkbare Katastrophe auslösen könnten. Dieses bedrückende Szenario greift Kathryn Bigelow aktuell in „A House Of Dynamite“ auf Netflix auf.
Der Film erzählt die Geschehnisse aus drei Perspektiven des Lagezentrums in den etwa 20 Minuten nach dem Abschuss einer Atomrakete. Wer die Rakete abgefeuert hat, bleibt unklar – ebenso wie alle Versuche, den Flugkörper, der direkt auf Chicago zusteuert, zu stoppen, scheitern. Doch in „A House Of Dynamite“ bleibt nicht nur der Verantwortliche für den Abschuss im Dunkeln. Auch die Folgen dieser so beängstigenden Situation werden nicht beantwortet, was bei einigen Netflix-Abonnent*innen für Unmut gesorgt hat.
Das offene Ende ist die große Stärke des Films
Am Wochenende wurden auf Social-Media-Plattformen einige Beiträge über „A House Of Dynamite“ veröffentlicht, die die Frustration vieler Zuschauer*innen widerspiegeln. Jim Chong beispielweise kommentiert: „Niemand möchte dieselbe Geschichte dreimal hören, und dann ist sie einfach zu Ende. Schade, dass so viele gute Schauspieler an diesem Mist beteiligt waren.“ Sean Drella schreibt auf X: „Das ist wohl das schlechteste Filmende aller Zeiten.“
Bis zu einem gewissen Grad ist diese Frustration über ein Ende, das den Zuschauer*innen keinen klaren Abschluss bietet, für mich durchaus nachvollziehbar. Doch gerade die Entscheidung von Kathryn Bigelow, eine eindeutige Antwort zu verweigern, verstärkt das von „A House Of Dynamite“ ausgelöste Gefühl von Ohnmacht und Erschütterung meiner Meinung nach. Denn welche Bedeutung hätte es schon, wenn gezeigt würde, dass die Rakete Chicago trifft? Verloren wären wir so oder so.
Der von Idris Elba gespielte US-Präsident ist sich dieser Dynamik vollkommen bewusst. Deshalb bleibt auch seine Entscheidung unklar: Holt er zum Gegenschlag aus – gegen wen überhaupt? – oder duldet er den Einschlag, um einen Atomkrieg zu verhindern? Eine Nicht-Reaktion würde eine spürbare Verletzlichkeit vermitteln (und in Kürze den nächsten Angriff?), während ein Gegenschlag den schlimmstmöglichen Verlauf einleiten würde – die totale Vernichtung.
Die Frage nach Selbstaufgabe oder Kapitulation wirkt für mich so noch lange über den Abspann von „A House Of Dynamite“ hinaus. Nicht, weil keine Antwort gegeben wurde, sondern weil eine Antwort letztlich keinen Unterschied gemacht hätte: In einem solchen Szenario wäre die Menschheit wohl ohnehin am Ende. Für mich ist das Ende von „A House Of Dynamite“ so eines der denkwürdigsten und bedrückendsten der letzten Zeit.
Übrigens: Auch wenn es einige Netflix-Nutzer*innen nicht zufrieden mit dem Ende sind, hat sich der Film als Hit für den Streamingdienst erwiesen. Warum, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:
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