Wer Horror-Literatur liebt, der sollte nicht nur zu aktuellen Bestsellern greifen, sondern einmal in die Klassiker hineinschmökern. Neben Edgar Allan Poe, Bram Stoker, Daphne du Maurier und H. P. Lovecraft gehört auch Mary Shelley zu den großen Stimmen des Genres. Ihre Frankenstein-Erzählung über die Erschaffung künstlichen Lebens stellt nicht nur moralisch-ethische Fragen, sondern sucht insbesondere nach dem Kern des Menschseins.
Gerade die Science-Fiction-Fans werden Elemente aus „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ in Figuren wie Data oder Seven of Nine aus dem „Star Trek“-Universum oder David-8 aus „Prometheus“ wiedererkennen, sind offensichtlich von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ inspiriert. Erstaunlicherweise gab es bisher wenig gelungene Roman-Adaptionen für die große Leinwand. Insbesondere der oft zitierte Klassiker „Frankenstein“ aus dem Jahre 1931, mit einem legendären Boris Karloff in der Hauptrolle, ist zwar ein unterhaltsamer Monster-Film, hat jedoch mit der Vorlage wenig zu tun.
Umso schöner, dass sich nun Fantasy-Experte Guillermo del Toro endlich an den Stoff gewagt und diesen sogar recht werkgetreu umgesetzt hat. Doch ausgerechnet ein Kernelement des Romans hat der Filmemacher verändert – was bei einigen Fans der Vorlage auf Unmut stoßen könnte.
Der Mensch als Gott
Mary Shelley interessiert sich in „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ nicht nur für die Frage, was einen Menschen zum Menschen macht, sondern auch für die Verantwortung eines Schöpfers für seine Schöpfung. Gerade in Zeiten von Gen- und KI-Forschung scheint diese Thematik relevanter als jemals zuvor. Sollten wir künstlich Leben erschaffen? Auch wenn Viktor Frankenstein im Buch mit der Erschaffung seiner Kreatur über die Natur triumphiert, ist ihm jedoch sogleich bewusst, dass er hier ein unweltliches Monster kreiert hat. Er flieht vor Angst vor dem unnatürlichen Wesen – und überlässt es einem grausamen Schicksal.
Anders in „Frankenstein“ von Guillermo del Toro: Viktor Frankenstein ist hier mit seinem Werk unzufrieden. Seine Kreatur ist nicht perfekt, ein Fehlschlag, eine Enttäuschung – wodurch er in diesem sein eigenes Versagen gespiegelt sieht und letztlich dem Wahnsinn verfällt. Während der Missbrauch des Schöpfers im Buch eher durch Vernachlässigung stattfindet, misshandelt der Forscher in der Netflix-Verfilmung das bedauernswerte Wesen physisch und psychisch, da es nicht den eigenen Ansprüchen genügt.
Modernisierung des Schöpfungs-Gedankens
Hier wird nicht mehr die Schöpfung als solche infrage gestellt, sondern der Umgang mit der Kreatur thematisiert. Victor Frankenstein erzittert nicht mehr im Angesicht des eigenen Schaffens, sondern scheint frustriert über den missglückten Ausgang – und weiß seinen Willen nur mit Gewalt und Qual durchzusetzen. Dieses Verhalten verändert natürlich auch die Figur als solche – und lässt aus dem Wissenschaftler, der die Grenzen der Medizin infrage stellt, einen brutalen Tyrannen werden, der letztlich zum Spiegelbild seines Vaters wird.
Natürlich steckt in dieser Änderung auch eine Modernisierung des Frankenstein-Gedankens. Die Frage lautet nicht mehr, ob die Wissenschaft künstliches Leben erschaffen sollte, sondern wie mit diesem Leben umzugehen ist. Gedanken der Erziehung und Charakterbildung, die Verantwortung von Eltern und die Rolle der Gesellschaft werden hier stärker in den Mittelpunkt gerückt als die Frage der Menschwerdung. Ob diese Modernisierung gefällt oder nicht, bleibt den Zuschauer*innen natürlich selbst überlassen.
Übrigens hat „Frankenstein“-Macher Guillermo del Toro bereits „Avatar 3: Fire And Ash“ gesehen. Was er vom neusten Sci-Fi-Ausflug nach Pandora hält, erfahrt ihr hier:
"Wird viele überraschen": Der "Frankenstein"-Macher hat "Avatar 3: Fire And Ash" bereits gesehen – und ist absolut begeistert!