Heute Abend streamen: Dieser Sci-Fi-Geheimtipp ist völlig zu Unrecht total unbekannt – haltet aber Taschentücher bereit!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Sidneys Lieblingsfigur ist Donald Duck, sein erster Kinofilm war Disneys „Aladdin“ und bereits in der Grundschule las er eine Walt-Disney-Biografie. Wenn er könnte, würde er ins Disneyland auswandern, aber da das nicht geht, muss ihn seine Disney-Sammlung bei Laune halten.

Dieses Sci-Fi-Abenteuer von Disney ist nichts für einen leichtfüßigen Streamingnachmittag: Der dystopische Geheimtipp „Crater“ erzählt eine bittersüße Geschichte über Vergänglichkeit, Ausbeutung, flüchtige Freundschaftsbande und Verlustängste.

Es ist eine Science-Fiction-Abwandlung des Coming-of-Age-Meisterwerks „Stand By Me“, in der Oregon und die Suche nach einer Leiche am Rande der Bahngleise gegen eine Suche nach den Geheimnissen eines Mondkraters ausgetauscht werden. Und es ist ein Film, der keine faire Chance hatte, sein Publikum zu finden: „Crater“ feierte Mitte Mai 2023 seine Premiere als Disney+-Exklusivtitel und wurde bereits sieben Wochen später von der Plattform entfernt.

Längere Zeit gab es keine Möglichkeit, sich „Crater“ legal anzuschauen – ein gewaltiger Jammer, da die 50-Millionen-Dollar-Produktion nach einem leicht holprigen Auftakt mächtig überrascht: Mit Herz, Witz und abenteuerlichem Nervenkitzel entfaltet sich „Crater“ zu einer berührenden Erzählung über Vergänglichkeit, Gemeinschaftssinn und die Angst vor der Einsamkeit. Glücklicherweise ist „Crater“ mittlerweile auf diversen Plattformen als Leih- und Kauf-VoD verfügbar, wie etwa Amazon Prime Video!

Darum geht es in "Crater"

2257: Da es der Menschheit nicht gelungen ist, den Mond nach ihren Vorstellungen zu besiedeln, hat sie begonnen, stattdessen auf ihm schonungslos nach Ressourcen zu graben. Doch nicht nur der Erdtrabant wird ausgebeutet: Arbeitsverträge für die Mondminen haben eine Laufzeit von 20 Jahren. Wer vor Vertragsablauf stirbt, vererbt die ausstehende Arbeitszeit an seine Nachkommen!

Kinder unter 18 Jahren sind von der Klausel ausgenommen – was für Caleb (Isaiah Russell-Bailey) Glück im Unglück bedeutet: Sein Vater stirbt vor Calebs 18. Geburtstag bei einem Unfall, weshalb der Waisenjunge um den Knebelvertrag herumkommt und auf den fernen, idyllischen Planeten Omega übersiedeln darf. Caleb will dort aber nicht hin, schließlich würde dies bedeuten, dass er seine Freunde Dylan, Borney und Marcus (Billy Barratt, Orson Hong und Thomas Boyce) nie wieder sehen wird.

Da kommt ihm eine Idee: Er plant ein letztes, gemeinsames Abenteuer und will mit seinen Kumpeln einen besonderen Krater aufsuchen, der auf einer Landkarte vermerkt ist, die ihm sein Vater vermacht hat. Dabei benötigen die Jungs Hilfe von Addison (Mckenna Grace), der Tochter eines Wissenschaftlers, die als privilegiertes Erdenkind von den Sprösslingen der Mondbelegschaft kritisch beäugt wird...

Polternder Beginn ...

Die ärgste Schwäche von „Crater“ wartet leider direkt zu Beginn: Die ersten Filmminuten sind ähnlich holprig wie die von Kratern übersäte Mondoberfläche. Regisseur Kyle Patrick Alvarez kommt noch gar nicht dazu, die Ästhetik und den Erzählduktus seines Films zu etablieren, schon werden Look und Erzählfluss durch verschachtelte, etwas aufdringlich inszenierte Rückblenden durcheinander gewirbelt. Hinzu kommt ein eingangs leicht ruppiger Filmschnitt, weshalb die Gefahr besteht, dass gerade im Streaming ein Publikum, das „nur mal reinschauen“ will, „Crater“ als halbgare Stangenware abtut und abbricht.

Sind die zentralen Figuren, ihre Konflikte sowie ihre Absichten jedoch erst einmal etabliert, breitet Alvarez, der zuvor einige der stärksten Episoden der Netflix-Erfolgsserie „Tote Mädchen lügen nicht“ inszenierte, eine nachdenkliche, bittersüße Erzählung vor uns aus: Der rabaukige Teenagerhaufen im Mittelpunkt von „Crater“ lebt in einer Welt voller erdrückender Ungerechtigkeit, und stürzt sich mit seinem Trip hin zu einem außergewöhnlichen Mondkrater in ein Abenteuer, das offenbart, welche Flecken diese Halbstarken bereits auf ihrer jungen Seele tragen.

... bittersüßer Hauptteil, grandioses und bewegendes Ende

Alvarez und Drehbuchautor John Griffin gelingt ein aussagekräftiger Wechselschritt zwischen dem Spiel- und Tatendrang ihrer Hauptfiguren und der lähmenden, dystopischen Welt, in der sie sich befinden. Die Mondjungs wollen blödeln, orientierungslos Zeit totschlagen und sich kreativ betätigen, sind aber gefangen in einem absichtlich kaputten System, das ihnen den Geist fördernde Bildung entsagt, damit sie zu effizienten, unkritischen Arbeitskräften heranwachsen, die ihr Leben (und potentiell das Leben ihrer Nachkommen) für den Luxus anderer Menschen opfern.

Addison indes leidet unter einer langen Reihe an Zurückweisungen und der emotional zehrenden Diskrepanz zwischen dem, was sie über das ungerechte System weiß, und dem, was sie dagegen unternehmen kann. Alvarez setzt diese Gefühlswelten melancholisch um, ohne zuzulassen, dass all dieser Kummer die rare, doch bedeutsame Freude übertönt, die sich seine Figuren mühselig und sporadisch erkämpfen.

Den Klassikerstatus eines „Stand By Me“ wird „Crater“ wahrscheinlich nicht erlangen, eine Verwandtschaft zwischen den beiden Filmen ist angesichts dessen allerdings nicht zu leugnen: Beide stellen eine Ode an den Wert sämtlicher noch so kleiner Funken von Glück, Hoffnung und Zusammenhalt dar, die uns helfen, durch Sorgen und Ängste zu schreiten und sie wenigstens punktuell in die Flucht zu schlagen. Und im Falle von „Crater“ mündet all das in ein ganz und gar Disney-untypisches Ende – wir empfehlen daher, Taschentücher griffbereit zu halten!

Und wenn ihr nach „Crater“ auf der Suche nach weiterer Sci-Fi-Unterhaltung seid: Habt ihr eigentlich schon unseren folgenden Streaming-Tipp abgehakt?

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