Tom Cruise hätte beinahe eine düstere Variante von "Spider-Man" gespielt – es existiert sogar ein fertiges Drehbuch!
Louis Verheyen
Louis Verheyen
-Freier Autor
Genießt alle Facetten des Kinos und lässt sich von „Mulholland Drive“ ebenso gern verstören wie von „Call Me By Your Name“ verzaubern. Hofft immer noch wehmütig darauf, dass Richard Kelly mal wieder einen Film dreht.

Tom Cruise hat scheinbar wenig Glück, was Superhelden-Projekte anbelangt: Nicht nur entging ihm knapp die Rolle als Iron Man, sein Name fällt auch im Zusammenhang mit einer vielversprechenden Spider-Man-Verfilmung – die leider niemals zustande kam.

Sony Pictures / Paramount Pictures

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass Marvel in den frühen 2000er-Jahren mit der Idee liebäugelte, Tom Cruise in einer frühen Version von „Iron Man“ zu besetzen. Damals war die Gage der „Mission Impossible“-Ikone allerdings noch viel zu hoch für den populären Comicverlag, der erst in den Jahren darauf zum unausweichlichen Hollywood-Giganten heranwuchs.

Lange bevor die Idee eines „Iron Man“-Film jedoch überhaupt im Raum stand, sollte der Action-Star schon einmal einen Marvel-Helden verkörpern. Bereits Mitte der 1980er plante das Produktionsstudio Cannon Films nämlich eine „Spider-Man“-Verfilmung, bei der Tom Cruise als großer Anwärter auf die Rolle des wandkrabbelnden Verbrechensbekämpfers galt.

Ein "Spider-Man"-Film von Hollywoods größter Trashschmiede

Wem Cannon Films kein Begriff ist: Das unabhängige Filmunternehmen war in den 1980er-Jahren dafür bekannt, massenhaft Actionfilme zu produzieren, die im Vergleich zu ihren minimalen Produktionskosten beachtlich hohe Einspielergebnisse abwarfen. Meist wurden diese Filme stümperhaft zusammengeschustert und konnten guten Gewissens als Schund bezeichnet werden. Es kamen während dieser Zeit aber auch einige legendäre Trash-Perlen zustande, die dem Studio seinen ewigen Kultstatus verliehen haben – denn wer sonst hätte grünes Licht für einen Film wie „Over The Top“ erteilt, in dem Sylvester Stallone um den Weltmeistertitel im Armdrücken kämpft?

Am Höhepunkt seines Erfolges versuchte sich das Studio allerdings vermehrt an aufwändig produzierten Blockbustern und sicherte sich dafür unter anderem die Rechte an großen Superheldenmarken wie Superman und Spider-Man. Mit „Superman III – Der stählerne Blitz“ und „Superman IV - Die Welt am Abgrund“ entstanden dabei unglücklicherweise zwei der furchtbarsten Comic-Verfilmungen aller Zeiten, die auch heute noch Stammplätze in Negativlisten besetzen.

Der ausbleibende Erfolg dieser Filme brachte Cannon Films darüber hinaus in eine finanzielle Misere, die letztlich sogar zur Auflösung des Studios führte. Folglich musste auch das seit langem geplante „Spider-Man“-Projekt verworfen werden – und das, obwohl es bereits einen vollständigen Drehbuchentwurf gab, der inzwischen online publik gemacht wurde und ziemlich spannend klingt. Es handelt sich nämlich um eine deutlich düsterere Spidey-Story, als wir es aus den Comics gewohnt sind.

So düster wäre "Spider-Man" mit Tom Cruise geworden

Das im Jahre 1985 von Ted Newsom und John Brancato verfasste Drehbuch zu Cannon Films' „Spider-Man“, dessen Handlung vom Branchenmagazin CBR zusammengefasst wurde, erzählt zunächst die klassische Entstehungsgeschichte der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft: Peter Parker wird von einer radioaktiven Spinne gebissen, die ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Als sein Onkel Ben nur kurze Zeit später durch seine Mitschuld stirbt, wird Peter sich der Konsequenzen seines Handelns bewusst und beschließt, mit seiner neugewonnnen Kraft Gutes in die Welt zu bringen – bis hierhin also Spider-Man in seiner Rohform.

Danach nimmt die Geschichte allerdings ein paar finsterere Abzweigungen vom Original. Nur kurze Zeit nach Onkel Bens Hinscheiden erliegt nämlich obendrein Tante May an einem Herzinfarkt. Also ausgerechnet die für Peter wichtigste Bezugsperson. Und auch die Vorgeschichte von Spider-Mans Widersacher Dr. Octopus wird deutlich brutaler in Szene gesetzt als in der Vorlage. So schmilzt Doc Ocks Anzug bei einem Fehlexperiment auf schmerzhafte Weise mit seinem Körper zusammen, was wohl in cronenberg’schem Body-Horror à la „Die Fliege“ gemündet hätte.

"Ich habe die Fackel weitergereicht": Fortsetzung zur besten "Spider-Man"-Reihe wird niemals kommen

Diese grimmigere Variante von „Spider-Man“, verkörpert von einem jungen Tom Cruise, hätte sicherlich gut funktionieren können. Laut Superhero Films Wiki wollte Cannon Films sogar bis zu 20 Millionen US-Dollar für das Projekt in die Hand nehmen, womit es durchaus mit anderen Blockbustern dieser Zeit hätte mithalten können. Ein besonders spannendes Randdetail ist außerdem, dass Spider-Man-Erfinder Stan Lee daran interessiert war, die Rolle des cholerischen Zeitungsmoguls und Fan-Lieblings J. Jonah Jameson auszufüllen.

Durch mehrfache Anpassungen des Drehbuchs zog sich die Produktion allerdings hin. Und als Cannon Films dann noch in die bereits erwähnte finanzielle Schieflage geriet, sah sich das Studio gezwungen, die Rechte an Spider-Man im Jahr 1990 wieder abzugeben. Als Artefakt ist von dem gescheiterten Projekt daher bloß ein altes Ankündigungsvideo übrig geblieben, das vom Youtube-Kanal Intermission Society archiviert wurde und sogar einen ersten Vorgeschmack auf Spider-Mans Anzug gab – allerdings verbarg sich hier nicht Tom Cruise unter der Maske, sondern der Stuntman Scott Leva, der ebenfalls ein Anwärter auf die Rolle war.

Übrigens: Anders als „Spider-Man“ und „Iron-Man“ kam ein umstrittener Fantasy-Abenteuer-Film mit Tom Cruise tatsächlich zustande. Im Nachhinein hätte der Schauspieler dies aber gerne ungeschehen gemacht – der Film zählt nämlich bis heute zu seinen größten Flops:

"Ich möchte nie wieder so einen Film machen": Tom Cruise hat bitter bereut, in diesem Fantasy-Flop mitgespielt zu haben
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