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    Gefährten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Gefährten
    Von Andreas Staben
    1993 brachte Steven Spielberg zwei sehr unterschiedliche neue Filme in die amerikanischen Kinos, an denen er zum Teil sogar gleichzeitig arbeitete: Während er in Polen tagsüber „Schindlers Liste" drehte, feilte er abends an der Nachbearbeitung von „Jurassic Park". Der Doppelschlag wurde zum Triumph für den Erfolgsregisseur. Mit seiner atemberaubenden Dinosaurier-Action landete er den Kassenschlager des Jahres, und das aufwühlende Holocaust-Drama brachte ihm endlich die allgemeine künstlerische Anerkennung und den Oscar, die ihm lange versagt worden waren. Spätestens mit diesem Meilenstein bewies Spielberg, dass er sich genausogut auf tiefschürfende Dramen wie auf das Blockbuster-Unterhaltungskino versteht und ließ 2005 mit „Krieg der Welten" sowie „München" ein ähnlich beeindruckendes Doppel folgen. 2011 setzte er gewissermaßen noch einen drauf, denn die US-Starttermine seiner mitreißenden 3D-Animations-Comicadaption „Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der ‚Einhorn‘" und seines Erster-Weltkriegs-Familiendramas „Gefährten" lagen nur vier Tage auseinander. Seine zutiefst berührende Verfilmung des Bühnenstücks „War Horse", das wiederum auf dem gleichnamigen Jugendroman von Michael Morpurgo basiert, zeigt den Regisseur auf der Höhe seines Könnens. „Gefährten" ist ein im besten Sinne altmodisches, visuell überwältigendes, unerschrocken emotionales Meisterwerk.

    Kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Im englischen Devonshire kommt ein Fohlen zur Welt. Der Farmersjunge Albert Naracott (Jeremy Irvine) bewundert das prächtige Tier, das schließlich von seinem stolzen Vater Ted (Peter Mullan) bei einer Auktion ersteigert wird – allerdings zu einem fatal hohen Preis: Um mit seinem Verpächter Lyons (David Thewlis) mitbieten zu können, hat der trinkfeste Ted sein Budget kräftig überzogen und riskiert den Verlust der Familienfarm, denn das von Albert auf den Namen Joey getaufte Pferd ist kein Arbeitstier wie es die Naracotts benötigen. Gegen den anfänglichen Widerstand seiner Mutter Rose (Emily Watson) trainiert Albert Joey und spannt das edle Tier schließlich vor den Pflug. Gemeinsam trotzen sie dem steinigen Boden und einem Unwetter, bis es ihnen gelingt, das brachliegende Feld zu bestellen. Der Ruin ist vorerst abgewendet, aber dann bricht der Krieg aus, und Joeys Dienste werden von der britischen Armee beansprucht. Der neue Besitzer, Captain Nicholls (Tom Hiddleston), verspricht Albert, auf Joey aufzupassen, aber schon die erste Schlacht verläuft anders, als die Briten sich das vorgestellt haben. Das Pferd gerät nun buchstäblich zwischen die Fronten des großen Krieges und wechselt mehrfach den Besitzer. Unterdessen hat Albert seinen vierbeinigen Freund nie vergessen und hofft ihn wiederzufinden, als er sich selbst zum Kriegsdienst meldet...


    Schon mit den allerersten Großaufnahmen des Films etabliert Spielberg eine Verbindung zwischen Albert und Joey, in den folgenden vierzig Minuten erzählt er davon, wie dieses Band immer stärker wird. Spätestens wenn der Junge und das Pferd schließlich in echter Gemeinsamkeit der widerspenstigen Natur trotzen, trägt der Film seinen deutschen Titel „Gefährten" zurecht. Aber das Idyll, das wir aus „Fury"- oder „Lassie"-Geschichten kennen, ist nicht ungetrübt - trotz einer aufmüpfigen Gans, die für komische Momente sorgt, und trotz einer kunstvoll fotografierten, in wunderschönes Licht getauchten Hügellandschaft. Denn neben der Geschichte einer reinen Freundschaft entsteht über die Porträts der leise besorgten Rose (tapfer: Emily Watson), des zugleich überaus klarsichtigen und zutiefst verständnislosen Verpächters Lyons (englisch: David Thewlis) sowie des trotzig-verbitterten Veteranen Ted (herausragend: Peter Mullan) zugleich das durchaus komplexe Bild einer Gesellschaft vor der Auflösung. Der Weltkrieg wird bekanntlich zum Katalysator für diese Veränderungen, und so bedeutet der Beginn der Feindseligkeiten auch in Spielbergs Film einen großen Bruch. Die Perspektive wechselt zu Joey und nun ist der Originaltitel „War Horse" noch viel passender – denn im wechselhaften Kriegsgeschehen bleiben wir stets an der Seite des Pferdes.

    Joey wird mitten hineingeworfen in die Wirren des Krieges und eine regelrechte Odyssee führt ihn erst nach Frankreich, dann nach Belgien. Die einzelnen Episoden sind manchmal nur Vignetten, aber hier zeigt sich in besonderer Weise Spielbergs Meisterschaft als Geschichtenerzähler: So gerät die erste Schlacht zwischen der stolzen britischen Kavallerie, die den Feind mit gezücktem Säbel vermeintlich in die Flucht schlägt, ehe ihr eine tödliche Überraschung blüht, nicht nur zu einem virtuosen Meisterstück des besten klassischen Action-Regisseurs der Gegenwart, sondern sie wird auch noch zu einer cleveren Demonstration des technologischen Forstschritts, der diesen Krieg so besonders grausam machte. Und mittendrin gewinnen Benedict Cumberbatch („Dame, König, As, Spion") und Tom Hiddleston („Marvel's The Avengers") als britische Offiziere in wenigen Minuten mehr Profil als man für möglich halten würde. Das ist auch Spielbergs Inszenierung zu verdanken, die naheliegende Klischees transzendiert und zur tieferen Wahrheit der individuellen Kriegserfahrungen vordringt. Ähnliches gelingt ihm, als Joey von zwei jungen deutschen Deserteuren (David Kross, Leonard Carow) zur Flucht genutzt wird und als das Pferd schließlich bei einem belgischen Mädchen (Celine Buckens) und seinem Großvater (Niels Arestrup) hinter der Front landet.

    „Der Krieg hat allen alles weggenommen" – so heißt es mehrmals während des Films und Joey wird zum Botschafter dieser Erkenntnis. Spielberg verzichtet auf die Drastik seiner berühmten Invasionssequenz aus „Der Soldat James Ryan", aber wenn das Pferd in Panik durch die Schützengräben stürmt und sich im Stacheldraht verfängt, hat das eine fatale Dynamik und eine schmerzliche Eindringlichkeit, die eloquent wie kaum andere Filmszenen von der Grausamkeit des Krieges erzählen. Gleich darauf kommt es im Niemandsland zwischen den Fronten zu einer Szene von halszuschnürender Intensität, die ihre Wirkung nicht etwa einer schamlosen Manipulation verdankt, sondern der sie durchdringenden tiefen Menschlichkeit. Gerade weil Spielberg nicht die Augen vor der Realität verschließt und auf wohlfeile Anti-Kriegsbotschaften verzichtet, bleibt Platz für Hoffnung und den Glauben an das Gute. Und so kommt es zu einem zweiten großen emotionalen Höhepunkt, einer einzigartigen melodramatischen Steigerung, die im Schaffen des Regisseurs nur mit der Abschiedsszene aus „E.T." vergleichbar ist und deren Einzelheiten jeder selbst entdecken sollte.

    „Gefährten" ist ein typischer Spielberg, dazu tragen natürlich auch wieder einige seiner langjährigen Mitstreiter bei. Die Orchester-Musik von John Williams („Krieg der Sterne", „Der weiße Hai") ist in dramatischen Momenten gewohnt bewegt, noch eindringlicher gerät sie aber in den ruhigeren Passagen, auch der perfekte Rhythmus des Schnitts von Michael Kahn trägt wesentlich zu der Wirkung sowohl der Action-Szenen, als auch der intimeren Momente bei. Den auffälligsten Beitrag leistet aber sicher Janusz Kaminski, der als Kameramann an allen Spielberg-Filmen seit „Jurassic Park" beteiligt war. Er beschwört mit seiner extrem stilisierten Lichtsetzung die Technicolor-Farben des klassischen Hollywood herauf und verbeugt sich am Ende vor „Vom Winde verweht". Aber der Filmemacher, dem Spielberg in „Gefährten" am nächsten ist, heißt John Ford. Die Landschaften der Western werden hier genauso evoziert wie die Wiesen Irlands in „Der Sieger", aber die Verwandtschaft ist am klarsten in der Art wie Ford und Spielberg das Herz und die Seele einer Gemeinschaft ohne viel Worte einzufangen vermögen.

    Fazit: Steven Spielberg erzählt die Odyssee eines Pferdes im Krieg und macht daraus ein emotionales Epos: ganz großes Gefühlskino.
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