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    Murder Mystery
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Murder Mystery

    Netflix und Sandler liefern wenig Krimi-Spaß

    Von Björn Becher
    Adam Sandler ist bekannt dafür, immer wieder mit denselben Leuten vor und hinter der Kamera zu arbeiten. Seit seinem Ein-Film-pro-Jahr-Netflix-Deal, der ihm nicht nur viele Millionen Dollar, sondern auch völlig freie Hand bei den Projekten garantiert, erfolgt das sogar noch konsequenter. Bei Filmen wie „Sandy Wexler“ oder „Die Woche“ fühlt es sich sogar an, als sei der Cast sogar extra aufgebläht worden, um auch noch ein paar mehr irgendwie unterbringen zu können. Aber bei „Murder Mystery“ ist vieles anders. Statt der üblichen Sandler-Getreuen steht hier ein internationaler Top-Cast an der Seite des Comedy-Stars und seiner Leinwandpartnerin Jennifer Aniston. Selbst der Regisseur ist keiner der üblichen Verdächtigen, sondern Kyle Newacheck, der für Netflix auch schon „Game Over, Man!“ inszeniert hat. Und das merkt man dann auch, denn die Krimi-Komödie fühlt sich über weite Strecken überhaupt nicht an wie ein Sandler-Film. Es fehlt an Herz und noch mehr am Humor. Stattdessen gibt es eine lahme Nummernrevue, bei der nur die Idee und Sandler selbst etwas hermachen.

    Zu ihrem 15. Hochzeitstag unternehmen der New Yorker Polizist Nick (Adam Sandler) und seine Frau Audrey (Jennifer Aniston) endlich die Europa-Reise, die er ihr einst als Flitterwochen versprochen hat. Auf dem Flug tritt Audrey beim Streunern durch die erste Klasse auf den europäischen Adeligen Charles Cavendish (Luke Evans), der sie und ihren Mann spontan auf die Luxusyacht seines Onkels Malcom Quince (Terence Stamp) einlädt, wo der schwerreiche alte Mann seine Hochzeit mit der jungen Japanerin Suzi Nakamura (Shioli Kutsuna) feiert. An Bord befinden sich zudem allerlei schräge Gestalten wie ein afrikanischer Colonel (John Kani), ein indischer Maharadscha (Adeel Akhtar), ein Filmstar (Gemma Arterton) oder ein Formel-1-Rennfahrer (Luis Gerardo Méndez). Als der schwerreiche Malcolm seinen Gästen eröffnet, dass er sie alle enterben will, geht das Licht aus und er wird ermordet. Nach der Ankunft in Monte Carlo übernimmt der französische Inspector Laurent Delacroix (Dany Boon) die Ermittlungen. Seine Hauptverdächtigen: Nick und Audrey Spitz …

    Audrey und Nick werden für Mörder gehalten.


    Rund ein Drittel der Laufzeit von „Murder Mystery“ wird darauf verschwendet, das Setting zu etablieren. Da wird fast schon ausschweifend erläutert, dass Nick „nur“ ein einfacher Straßenpolizist in New York ist, weil er mehrfach durch seine Prüfung zum Detective gerasselt ist, während seine Frau Audrey weiterhin glaubt, dass ihr Mann längst befördert wurde. Sie wird derweil als begeisterte Leserin von Kriminalromanen vorgestellt – beides mit demselben erkennbaren Ziel: Nun kann er endlich beweisen, dass er doch ein guter Detective ist, während sie ihr Bücherwissen endlich in der Praxis nutzen darf. Darauf wird zwar in Dialogen immer wieder eingegangen, aber ein sich aufgrund dieser Ausgangslage eigentlich aufdrängender Rätselplot entwickelt sich nicht. Denn in den ersten 30 Minuten werden zwar auch all die unterschiedlichen, extravaganten Verdächtigen vorgestellt. Aber die dienen nicht zum Mitraten, sondern nur für platte Lacher.

    Trotz „Cluedo“-Setting und direktem Agatha-Christie-Zitat geben sich Drehbuchautor James Vanderbilt („Zodiac“, „The Amazing Spider-Man“) und Regisseur Kyle Newacheck nicht einmal ansatzweise die Mühe, den Zuschauer in die Mörderjagd mit einzubeziehen. Entsprechend lieblos hauen sie uns am Ende die Wendungen um die Ohren. Hier funktioniert „Murder Mystery“ wenigstens kurzzeitig als Parodie, wenn sich die typische Hercule-Poirot-Auflösung eben nicht als solche entpuppt. Abgesehen davon sind aber auch die komischen Momente erstaunlich rar gesät und selbst dann zünden die meisten Witze nicht, auch weil die illustre Schar an Verdächtigen nur eine Reihe überzeichneter, aber im Endeffekt trotzdem langweiliger Karikaturen bleibt. Die prominenten Darsteller scheinen dabei selbst oft nicht zu wissen, ob sie sie nun einfach nur möglichst überdreht oder doch mit ernstem Kern spielen sollen. Ein schmerzhaft verschenktes Starensemble.

    Charlize Theron im Abspann?


    So bleiben vor allem Adam Sandler und Jennifer Aniston, die hier bei weitem nicht so wundervoll zusammen agieren wie noch in „Meine erfundene Frau“. Es gibt nur zwei ruhigere Momente, in denen Herz und eine echte Charakterentwicklung steckt. Sowas fehlt hier ansonsten fast komplett, was aber vielleicht auch gar nicht so verwunderlich ist: Denn „Murder Mystery“ unterscheidet sich auch in der Produktionsgeschichte von den typischen Sandler-Filmen, die nach seinen Ideen und mit seiner Mitarbeit auf ihn zugeschnitten werden. Stattdessen ist „Murder Mystery“ nach dem auch schon misslungenen „The Do-Over“ der zweite Film im Rahmen von Sandlers Netflix-Deal, bei dem er nicht am Drehbuch mitschrieb. Das kursiert nämlich schon seit Jahren in Hollywood, viele Regisseure und Darsteller wurden schon mit dem Projekt in Verbindung gebracht (weshalb die ursprünglich als Hauptdarstellerin vorgesehene Charlize Theron im Abspann plötzlich als Produzentin auftaucht).

    Wahrscheinlich kam es Adam Sandler, der bereits 2013 schon einmal für eine Rolle in dem Projekt gehandelt wurde, gerade recht, dass ihm ein fast fertiges Projekt in den Schoß gefallen ist. Schließlich war er einen Großteil des Jahres 2018 damit beschäftigt, mit seinem neuen Bühnenprogramm „100% Fresh“ durch amerikanische Clubs zu touren. Die Shows, die für Netflix auch gefilmt und zu einem Special zusammengeschnitten wurden, sind allein schon dank des bewegenden Tributs an seinen 1997 verstorbenen Busenkumpel Chris Farley richtig stark … und scheinen die volle Aufmerksamkeit des Sandmans beansprucht zu haben. Vielleicht hatte er deswegen keine Zeit, eine neue eigene Idee zu entwickeln? <

    Skurrile Figuren, aber wenig Humor.


    So wirkt „Murder Mystery“ gerade mit diesem Hintergrundwissen eher wie eine lieblose Auftragsarbeit, bei der Sandler und Aniston vor allem in den Momenten überzeugen, wenn sie sich über den Mord und das daraus erwachsene Drama freuen, als würden sie gerade ein möglichst schmieriges Klatschblatt lesen und nicht selbst als Hauptverdächtige in den Fall integriert sein. Aber eine gemeinsame Chemie entwickeln sie diesmal nicht. Es ist bezeichnend, dass sich der romantischste Moment in einem Film über eine verspätete Hochzeitsreise erst im Abspann findet: Sandlers reale Ehefrau Jackie, die einen kurzen Auftritt als Flugbegleiterin hat, wird dort als „Great Looking Flight Attendant“ gelistet.

    Fazit: „Murder Mystery“ ist ein Film mit Adam Sandler, aber kein Adam-Sandler-Film. Und das ist eine schlechte Nachricht.

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