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    Outlaws - Die wahre Geschichte der Kelly Gang
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Outlaws - Die wahre Geschichte der Kelly Gang

    Der Robin Hood Australiens

    Von Oliver Kube
    Killer oder Volksheld? Die Meinungen über den 1880 in Melbourne hingerichteten Edward „Ned“ Kelly gehen in seiner Heimat Australien bis heute weit auseinander. Mit der nach ihm benannten Bande verübte er unter anderem Pferdediebstähle, Banküberfälle und mehrere Morde. Zur Legende wurde der Gesetzlose unterdessen aufgrund seines Widerstands gegen die britische Kolonialmacht, wobei ihn vor allem seine ikonische, aus Pflugscharen selbst angefertigte, rund 40 Kilo schwere Stahlrüstung, die ihn vor Gewehrkugeln schützen sollte, berühmt machte.

    Immer wieder inspiriert der „australische Billy The Kid“ auch Künstler. Neben zahlreichen Büchern, Musik- und Theaterstücken wurde Kellys Leben so bereits mehrfach verfilmt. Drei der bisherigen Werke stechen dabei besonders heraus: Der 1906 veröffentlichte „The Story Of The Kelly Gang“ gilt als das erste Langfilm-Drama der Kinogeschichte und wurde 2007 in das Register des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommen. 1970 folgte der umstrittene „Kelly, der Bandit“ mit Rolling-Stones-Frontman Mick Jagger in der Titelrolle - und schließlich 2003 „Gesetzlos - Die Geschichte des Ned Kelly“ mit einem von der Kritik gefeierten Heath Ledger.

    Ein neuer Schwerpunkt


    Als neuster Kelly-Kinobiograf versucht sich nun Justin Kurzel mit dem hochkarätig besetzten „True History Of The Kelly Gang“. Der mit dem True-Crime-Thriller-Drama „Die Morde von Snowtown“ bekanntgewordene, für seine raue Adaption von Shakespeares „Macbeth“ gelobte, dann aber für die vergurkte Umsetzung des Videospiels „Assassin's Creed“ schwer getadelte Australier stützt sich dabei auf den preisgekrönten, gleichnamigen Roman seines Landsmannes Peter Carey. Das Ergebnis ist ein einfallsreich umgesetztes, mitreißend intensives Drama mit grandiosen Darstellern. Abgesehen von dem brutalen Mord an einem Trupp Polizisten konzentriert sich dieses weniger auf Kellys Taten, sondern versucht vielmehr aufzuzeigen, was und wer ihn überhaupt erst zu einem Outlaw machte.

    Für viele ist Ned Kelly eine Art australischer Robin Hood.


    Australien im Jahr 1867: Der kleine Ned Kelly und seine jüngeren Geschwister wachsen in ärmlichen Verhältnissen im kargen Südosten des Landes auf. Die irisch-stämmigen Eltern Ellen (Essie Davis) und John (Ben Corbett) kommen finanziell kaum über die Runden und werden zudem vom britischen Sergeant O’Neil (Charlie Hunnam) schikaniert. Nach dem gewaltsamen Tod des Vaters gibt Ellen den Jungen in die Obhut eines Freundes, der aus ihm einen Mann machen soll. Harry Power (Russell Crowe) bringt Ned vieles bei, unter anderem wie man Postkutschen überfällt und Menschen tötet.

    Ein paar Jahre später kehrt Ned (George MacKay) nach Hause zurück und stellt fest, dass sich dort wenig verändert hat. Er versucht zunächst ein ehrliches Leben zu führen. Doch sowohl seine Familie als auch die Umstände zwingen ihn, seinen Bruder Dan (Earl Cave) und einige Freunde dazu, das von Harry Gelernte anzuwenden. Während die Kelly Gang zum Schrecken der kolonialen Polizei unter Constable Fitzpatrick (Nicholas Hoult) avanciert, lernt Ned die junge Mary (Thomasin McKenzie) kennen. Die Liebe zu ihr hält ihn derweil nicht davon ab, weiter Banken auszurauben und Cops zu ermorden. Schließlich kommt es zum Showdown mit den Briten...

    Nicht die Wahrheit


    Kurzel beginnt seinen Film mit einer Einblendung: „Nothing you’re about to see is true.“ Das ist dem Zuschauer gegenüber nur fair. Denn wer sich ein wenig mit der faszinierenden Geschichte des als eine Art Downunder-Version von Robin Hood gefeierten Bushrangers befasst hat, dem wird vieles gänzlich unbekannt oder zumindest stark modifiziert vorkommen. Die Handlung zeigt diverse Geschehnisse, Personen und Zusammenhänge, die in keiner der vorherigen Varianten zu sehen waren. Der Grund: Sie wurden vom Autor der Romanvorlage dazu gedichtet beziehungsweise für den dramatischen Effekt umgeschrieben.

    Zum Beispiel trägt die Gang bei ihren Raubzügen Frauenkleider. Dieser Punkt wurde von Peter Carey komplett erfunden. Laut eigener Aussage hatte der Autor gelesen, dass es auf der Grünen Insel einst Verbrecherbanden gab, die sich so maskierten. Mit diesem Detail wollte er eine engere Verbindung der Kellys zu ihrer irischen Abstammung und Bräuchen in der Heimat ihrer Vorfahren herstellen. Diesen und andere Momente hat Kurzel in seine Arbeit integriert. So setzt sich der neue Film doch auf interessante Art von den Vorgängern sowie sonstigen Gauner- und Western-Balladen ab. Außerdem führt das zu schönen Dialogen, etwa als Dan (gespielt vom Sohn der Indierock-Legende Nick Cave) seinem Bruder erklärt, weshalb sie die von der Wäscheleine des lokalen Bordells gestohlenen Frauenklamotten anziehen sollten: „Wir tragen den Fummel, weil die Engländer dann denken, wir wären durchgeknallt. Nichts macht Menschen mehr Angst als ein Verrückter...“

    Oscargewinner Russell Crowe als Ned Kellys väterlicher Mentor.


    Ebenso fiktiv ist Mary, die in der Buchvorlage Kelly dazu animiert, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben, quasi als Hinterlassenschaft für seine ungeborene (und vom Autor erdachte) Tochter. Hier im Film hat Ned von Harry Power die Angewohnheit übernommen, eine Art prosaisches Tagebuch zu führen, aus dem wir im Voiceover Ausschnitte hören.

    Das Pacing von „True History Of The Kelly Gang“ als unausgeglichen oder sprunghaft zu bezeichnen, wäre wohl die Untertreibung der Saison. Mal überschlagen sich die Ereignisse geradezu, mal scheint die Zeit auf der Leinwand nahezu stillzustehen. Kleine, auf den ersten Blick gar nicht so relevant erscheinende Details wie der Blowjob, den Neds Mutter zu Beginn dem Sergeant vor den Augen ihres Sohnes verpassen muss, damit sie und ihre Familie nicht von ihrem kümmerlichen Stückchen Land vertrieben werden, oder ein Faustkampf, den der mittlerweile erwachsene Protagonist mit einer anderen armen Kreatur zur Belustigung der feinen Gesellschaft ihres Landstrichs abhalten muss, dauern so lange an, dass sie dem Zuschauer fast so wehtun wie der Hauptfigur. Dann wiederum vollzieht sich der Übergang vom rechtschaffenden Ned zum durchgeknallten Killer ebenso hopplahopp wie zuvor Harry Powers Wandlung von Neds gemütlich-jovialem Ersatzvater zum gnadenlos effizienten Schwerverbrecher.

    Ein Ende, das spalten wird


    Doch diese eigenwillige Art des Erzählens funktioniert. Das Publikum ist involviert, fiebert mit und stellt sich nicht lange die Frage, wie oder warum das alles passiert, sondern versetzt sich in Ned hinein und ist emotional voll dabei – bis hin zum in Sachen Gewalt sowie schierem Wahnsinn sehr krassen Klimax in Form eines eine gefühlte Ewigkeit andauernden Shoot-Outs. Und dann ist der noch nicht mal das Ende, stattdessen folgt noch eine etwas seltsam anmutende, in unsere Gegenwart führende Szene, an der sich die Meinungen spalten dürften. Der Autor dieser Kritik empfindet das Segment, das wir lieber nicht mehr spoilern wollen, als eher überflüssig und prätentiös. Der positive Gesamteindruck von Kurzels Werk wird dadurch aber nicht entscheidend geschmälert.

    Die Schauspieler schöpfen die ihnen eingeräumten Freiheiten mit Wonne aus. MacKay dreht streckenweise so frei, wie er es als Hauptdarsteller in „1917“ nicht einmal ansatzweise konnte. In jenen Momenten wirkt er fast wie eine junge Version von Nicolas Cage. Russell Crowe hat offensichtlich Spaß an seiner Nebenrolle als meist nachdenklicher, fast schon weiser, dann aber plötzlich auch furchteinflößender Mentor. Zumindest entsteht dieser Eindruck, als er mit der Akustikgitarre im Rahmen eines harmonischen Abendessens mit den Kelly-Kids ein von ihm selbst verfasstes, mit herrlich direkter Sprache gewürztes Lied zum Besten gibt.

    Ned Kelly muss schon als kleiner Junge eine Menge durchmachen.


    Auch Kurzels Ehefrau Essie Davis („Der Babadook“) und Nicholas Hoult („Mad Max: Fury Road“) begeistern mit vielschichtigen Darstellungen. Den beiden Stars gelingt es überzeugend, so viele faszinierend widersprüchliche Facetten ihrer Figuren zu zeigen, dass wir bis zum Ende nicht sicher sein können, woran wir mit ihnen sind. Charlie Hunnams („The Gentlemen“) Performance erinnert an seinen kalten Schauer erzeugenden Bösewicht-Auftritt in „Unterwegs nach Cold Mountain“, während Thomasin McKenzie („Jojo Rabbit“) leider wenig zu sagen bekommt. Sie arbeitet hauptsächlich mit den Augen, wenn Mary der Metamorphose ihres Geliebten Ned in Richtung eines um sich ballernden Irren hilflos zuschauen muss.

    Handwerklich herausragend


    Die meisten technischen Aspekte sind ebenfalls rundum überzeugend. Vor allem zu nennen sind da die Kompositionen von Kameramann Ari Wegner („Lady Macbeth“), der epische Drohnenaufnahmen der kargen Landschaft mit ungewöhnlichen stationären Blickwinkeln bei Dialogszenen sowie ganz nah an die Charaktere herangehender Handkamera in den größtenteils an Originalschauplätzen gedrehten Action-Momenten konterkariert.

    Sehr wichtig sind zudem der effektive Schnitt und die Musik. Nick Fenton („Escape From Pretoria“) legt die Bilder perfekt auf den zunächst vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig-düsteren, bald aber absolut Sinn ergebenden, mit krachenden Punk-Songs angereicherten Score von Justins Bruder Jed Kurzel („Alien: Covenant“). Die Songs wurden dabei übrigens nahezu durchgehend von den Stars MacKay, Cave, Corbett, Crowe sowies dem neuseeländischen Singer-Songwriter Marlon Williams („A Star Is Born“, er mimt einen von Ellens Lovern) selbst geschrieben und performt.

    Fazit: Nach dem „Assassin‘s Creed“-Desaster gelingt Regisseur Justin Kurzel sich dank Mut und Einfallsreichtum mit einem zwischen bedrückendem Familiendrama, klassischer Räuberpistole und überdrehendem Psychotrip changierenden Film die Rundum-Rehabilitation.

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