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    Thunder Force
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,0
    schlecht
    Thunder Force

    Irgendwas mit Superhelden

    Von Christoph Petersen
    Es gibt da ja diesen berühmt-berüchtigten Algorithmus, der den Entscheidungsträgern bei Netflix verrät, was genau das Publikum des Streaming-Marktführers sehen will. Natürlich unterliegen die konkreten Erkenntnisse einem strengen Betriebsgeheimnis. Aber wenn man sich die Liste der sogenannten Netflix Originals – speziell auch lokaler Produktionen wie „Freaks“ aus Deutschland oder „Geheime Anfänge“ aus Spanien – so ansieht, liegt zumindest eine Präferenz des Algorithmus‘ sofort auf der Hand: Irgendwas mit Superhelden – von „Project Power“ bis „Jupiter’s Legacy“ - geht eigentlich immer…

    Jetzt also auch noch eine Superheldinnen-Komödie mit Melissa McCarthy – und warum auch nicht? Schließlich hat die zweifach oscarnominierte Komikerin mit „Spy – Susan Cooper undercover“ eindrucksvoll bewiesen, wie grandios lustig es sein kann, wenn man sie und ihren schmerzbefreiten Anarcho-Humor mit vollem Karacho aufs Action-Genre loslässt. Aber „Thunder Force“ ist kein zweiter „Spy“ – sondern eine komplett unlustige und miserabel inszenierte Fantasy-Farce, die die bisherigen, ebenfalls schon enttäuschenden Kooperationen zwischen McCarthy und ihrem Regisseur-Ehemann Ben Falcone („The Boss“, „Superintelligence“) noch einmal spielend untertrifft.

    Ein nicht ganz freiwilliges Superheldinnen-Duo: Lydia (Melissa McCarthy) und Emily (Octavia Spencer) sind Thunder Force!


    Seitdem eine kosmische Strahlung ausschließlich ausgemachten Psychos besondere Kräfte verliehen hat, steht die Menschheit diesen Superschurk*innen weitestgehend hilflos gegenüber. Die inzwischen ein ganzes Firmenimperium anführende Wissenschaftlerin Emily Stanton (Octavia Spencer) hat nach der Ermordung ihrer Eltern deshalb ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet, ein Gegenmittel gegen die übermächtige Bedrohung zu entwickeln …

    … aber dann platzt plötzlich ihre einst beste Freundin Lydia Berman (Melissa McCarthy) herein, um sie zu einem Klassentreffen zu überreden. Es kommt, wie es kommen muss: Die nicht sonderlich helle und zudem ziemlich tollpatschige Lydia spritzt sich das von Emily entwickelte Superkraft-Serum versehentlich selbst – und so bleiben für die Erfinderin nur noch die Unsichtbarkeits-Pillen übrig. Gemeinsam kämpfen die beiden ungleichen Frauen fortan als Thunder Force für das Gute…

    Ein Krabbenmann als einsames Highlight


    Beim ersten Einsatz der Thunder Force in einem Supermarkt verguckt sich Lydia in den von Jason Bateman mit Pappmaschee-Scherenarmen verkörperten The Crab – inklusive einer Tanz-Traumsequenz, die aus irgendeinem Grund in den Achtzigern spielt und mit der denkbar gruseligsten Vokuhila-Frisur aufwartet. Später folgt auch noch ein Date, bei dem die beiden „Voll abgezockt“-Co-Stars offensichtlich wild drauflos improvisieren – bis The Crab davon erzählt, wie ihm einst beim Schnorcheln über einem radioaktiven Atoll eine Krabbe in die Weichteile gezwickt hat.

    Bei einem halbwegs funktionierenden Film würden solche offensichtlich übers Ziel hinaus- und am sonstigen Ton des Projekts vorbeischießenden Improvisationen maximal in den Outtakes oder direkt auf dem Boden des Schneideraumes landen. Aber in „Thunder Force“ geht die Date-Szene minutenlang immer weiter – und es ist auch klar warum: Zum einen ergibt hier ohnehin nichts Sinn, da kann man also auch nichts mehr kaputtmachen – und zum anderen sind es die einzigen Minuten, die aufgrund ihrer unpassenden Absurdität zumindest mild unterhalten.

    Lydia hatte schon als Kind kein Problem damit, den Bullys auf dem Schulhof eine zu verpassen.


    Die Story ist zu gleichen Teilen hanebüchen und lustlos – und das überträgt sich leider auch auf die Co-Stars: Niemand hat in den vergangenen zehn Jahren mehr diebisches Vergnügen auf der Leinwand ausgestrahlt als Octavia Spencer, als sie ihrer rassistischen Arbeitgeberin in „The Help“ einen mit Scheiße gefüllten Kuchen überreicht hat. Aber in „Thunder Force“ spielt die Oscargewinnerin den stocksteifen Erklärbär nun mit einer regelrecht ansteckenden Lustlosigkeit. So wenig Spaß mit Superkräften hatten bisher wenige Schauspieler*innen.

    Ähnliches gilt für Bobby Cannavale („Jesus Rolls“) als The King und Pom Klementieff („Guardians Of The Galaxy 2“) als Laser, die offensichtlich so gar keinen Bock aufs Bösesein oder ihre einfallslos-generischen Superkräfte hatten. Die Actionszenen wirken dementsprechend auch durch die Bank erschreckend unspektakulär (vom teils miesen CGI mal ganz zu schweigen) - und wenn sich ein Guter plötzlich als Böser entpuppt, werden die hölzernen Erklärungen ohne jede Emotion einfach nur brav aufgesagt.

    Susan Cooper, wir vermissen dich!


    Sicherlich liegt es zu einem guten Teil am fehlenden Talent von Ben Falcone, warum die Actionszenen denen aus „Spy – Susan Cooper undercover“ von „Brautalarm“-Regisseur Paul Feig nicht ansatzweise das Wasser reichen können. Aber die angestrebte Rundum-Familientauglichkeit von „Thunder Force“ hat dabei sicherlich auch nicht geholfen …

    … zumal Melissa McCarthy deshalb auch selbst die meiste Zeit mit spürbar angezogener Handbremse agiert. Statt Anarcho-Power wirkt das Drehbuch wie versehentlich mit einer Sparpackung Perwoll gewaschen - und wenn Ben Falcone gar nichts mehr einfällt, dann schmettern die Superheldinnen einfach irgendeinen nostalgischen Popsong. Karaoke mit Seal-Stücken als letzte Bataillon gegen die kreative Kapitulation? Aber egal, zu diesem Zeitpunkt ist die letzte Hoffnung auf einen unterhaltsamen Film ohnehin längst entschwunden.

    Fazit: „Thunder Force” liefert sich mit den bisherigen Tiefpunkten „The Ridiculous 6“ und „365 Days“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des schlechtesten Netflix-Originalfilms, seitdem der Streaming-Service 2015 mit „Beasts Of No Nation“ begann, neben Katalogtiteln auch exklusive Eigenproduktionen ins Programm aufzunehmen.

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