Wie man mit dem Fortschritt durch sogenannte Künstliche Intelligenz umgehen sollte, ist eines der Themen unserer Zeit – auch in der Unterhaltungsbranche. In Hollywood wurde auch deswegen gestreikt, weil Schauspieler*innen und Drehbuchautor*innen Angst hatten, was Studios mit der Hilfe von KI künftig machen werden. In der Videospielbranche dauerte ein Streik der Synchronsprecher*innen sogar fast ein ganzes Jahr und wurde erst vor wenigen Tagen beigelegt.
Viele Kreative umtreibt schließlich eine berechtigte Sorge: Längst gibt es genug Material, dass eine KI ganze Filme, Serien oder Spiele mit berühmten Stimmen vertonen kann, ohne dass eine einzige Person vor das Mikro treten (und bezahlt werden) muss. Während wir hier aber debattieren, werden in China nun offenbar auf erschreckende Weise bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Denn hier wird wohl nicht mehr darüber geredet, wie man mit der Hilfe von KI Projekte komplett über die Köpfe von Kreativen hinweg machen könnte. Es wird wirklich gemacht...
KI-Remakes von rund 100 Action-Klassikern in Arbeit
Auf dem Shanghai International Film Festival kündigten diese Woche diverse chinesische Filmstudios ein vom Staat gefördertes Gemeinschaftsprojekt an. Unter Führung des Kung Fu Movie Heritage Project sollen im Rahmen des sogenannten „100 Classics AI Revitalization Project“ rund 100 Action-Klassiker mithilfe von KI neu verfilmt bzw. „revitalisiert“ werden, wie es euphemistisch in der Ankündigung heißt.
Ein erstes Ergebnis soll schon bald erscheinen. Auf dem Festival wurde ein Trailer zu „A Better Tomorrow: Cyber Frontier“ präsentiert. Dabei handelt es sich um ein Animationfilm-Remake von John Woos Action-Meisterwerk „A Better Tomorrow“.
Die mit epischen Schusswechseln inszenierte Geschichte um Gangster, die sich gegen ihre einstigen Triadenbosse stellen, wird hier in ein Sci-Fi-Cyberpunk-Setting verlegt. Es soll der allererste Kinospielfilm sein, der von KI erstellt wurde. Mit der Hilfe der KI sei das Erstellen eines so kompletten Films vom Drehbuchprozess über das Erstellen der Modelle, die Animation und das finale Rendering in wenigen Monaten möglich. Sonst brauchen Animationsfilme mehrere Jahre.
Betroffen sind auch Filme von Jackie Chan, Jet Li und Bruce Lee
Bekannt ist, dass von allen Martial-Arts-Größen Chinas Filme auf diese Weise verwurstet werden sollen. Der Klassiker „Fist Of Fury“ alias „Todesgrüße aus Shanghai“ mit der 1973 verstorbenen Martial-Arts-Legende Bruce Lee wird genannt. Jackie Chans großer Durchbruch „Drunken Master“ alias „Sie nannten ihn Knochenbrecher“ ist genauso dabei wie das Epos „Once Upon A Time in China“ mit Jet Li. Auch Export-Schlager wie „Tiger & Dragon“ sowie mit „Wolf Warrior“ einer der jüngeren Kinokassen-Hits werden als Titel für Remakes genannt.
Wer sich fürs internationale Actionkino interessiert, wird also merken, dass man sich wirklich die Perlen herauspickt. Einige der besten Actionfilme aller Zeiten wurden für diese „KI-Neuinterpretationen“ auswählt.
Was die jeweiligen Filmstars, sofern sie noch leben, dazu sagen, ist nicht bekannt. Kritische Widerworte darf man in China allerdings wohl eher nicht erwarten.
KI-Remakes sollen alte Filme an "den zeitgenössischen Filmkonsum" anpassen
Von den Verantwortlichen der Remakes sind dagegen Worte zu vernehmen, bei denen es einigen Filmfans allerdings eher flau im Magen werden dürfte: Man wolle „ästhetischen historischen Schätzen“ ein neues Erscheinungsbild verleihen, das „dem zeitgenössischen Filmkonsum entspricht“, zitiert der Hollywood Reporter Zhang Pimin, dem Vorsitzenden der für das Projekt verantwortlichen China Film Foundation. Als „eine mutige Erkundung der innovativen Weiterentwicklung der Filmkunst“ bezeichnet er dies.
In einer weiteren Stellungnahme wird versprochen, dass man die Erzählweise und Ästhetik der Originale beibehalten werde. Die Remakes sollen sowohl „eine Hommage an das Originalwerk“ als auch „eine Neugestaltung der visuellen Ästhetik“ bieten. Daneben war sogar die Rede davon, dass man die Filme „verbessern“ werde, was natürlich eine höchst kühne Aussage ist. Schließlich sprechen wir hier von einigen der besten Actionfilme aller Zeiten, die mittels Computertechnik nun noch mal nachgemacht werden.
Ist China nur der Anfang? Es gibt bereits Fingerzeige gen Hollywood
Wenn es nach den Verantwortlichen in China geht, machen sie hier gerade keinen Alleingang, sondern nehmen nur eine Vorreiterrolle ein. Offen wurde so bei der Präsentation laut Medienberichten nicht nur eine Einladung an Hollywood-Animationsfirmen ausgesprochen, sich an dem Projekt zu beteiligen und auch chinesische Klassiker zu verwursten (bei 100 geplanten Titeln gibt es schließlich reichlich Arbeit).
Es wurden wohl im Rahmen des Festivals auch kurze, mit KI neugestaltete Szenen aus Hollywood-Klassikern gezeigt. Dass das mit den jeweiligen US-Rechteinhabern abgesprochen war, darf bezweifelt werden. Und es ist auch durchaus offen, was man in China mit diesem Teil der Präsentation bezwecken wollte. Ist auch das nur eine Einladung, mit der man den großen Hollywood-Studios zeigt, was sie mit ihren Filmen machen könnten? Oder ist es vielleicht ein Fingerzeig, dass man keine Probleme hat, sich auch an fremden Filmen zu bedienen, wenn das eigene Erbe erst einmal „revitalisiert“ wurde?
So oder so scheint es Vorbote einer „schönen neuen Welt“, die man als Filmfans erst einmal verdauen muss. Denn es ist wirklich kein Aprilscherz...