Das ohnehin schon in einer Krise steckende Pärchen Tim (Matthias Schweighöfer) und Olivia (Ruby O. Fee) findet sich in „Brick“ plötzlich in einem waschechten Albtraum wieder. Ihre Wohnung und auch der Rest des Hauses ist von einem Moment auf den anderen von einer undurchdringlichen schwarzen Mauer umgeben. Um einen Ausweg zu finden, tun sie sich mit einigen Nachbarn und Nachbarinnen zusammen – und gehen gemeinsam der wahren Natur des Phänomens immer weiter auf den Grund ...
... bis zur überraschenden Auflösung, die gar mit leichten Sci-Fi-Elementen hantiert. Wie sich nämlich herausstellt, handelt es sich bei der Umhüllung des Wohnhauses um einen vom Unternehmen Epsilon entwickelten Verteidigungsmechanismus, der mit Hilfe von Nanotechnologie Gebäude in einem Katastrophenfall hermetisch abriegeln und vor vielerlei Gefahren von außen schützen soll. Allerdings wurde die Maßnahme in „Brick“ nach einem Brand bei Epsilon (den man am Anfang des Films in der Ferne sieht) fälschlicherweise ausgelöst, eine Bedrohung gibt es nicht.
Und die Fehlfunktion hat weitaus größere Ausmaße als zunächst angenommen, wie sich in der letzten Szene des Films zeigt. Als es Tim und Olivia tatsächlich gelingt, ihr Wohnhaus zu verlassen, offenbart ein Blick durch und über die Stadt, dass offenbar ganz Hamburg von der Nano-Abriegelung betroffen ist (ob das Ganze vielleicht sogar noch über die Metropole hinaus reicht, ist indes unklar).
Potential für "Brick 2"?
Könnte an dieses augenöffnende Ende womöglich eine Fortsetzung anknüpfen? Auch wenn wir nicht mehr sehen, wie die Lage wieder bereinigt wird, hält sich das Potential dafür wohl eher in Grenzen. Schließlich haben Tim und Olivia auf Grundlage der Überlegungen ihres getöteten Nachbarn und Epsilon-Mitarbeiters Noah (Nader Ben-Abdallah) eine App auf ihrem Handy parat, die mittels Lichtsignalen in der Lage ist, die schwarze Nano-Wand zu öffnen – vorausgesetzt, sie teilen ihr Wissen noch mit der Welt, bevor sie in ihrem VW-Bus Hamburg endgültig den Rücken kehren (und obwohl sie das rettende Handy einfach zurückgelassen haben).
Doch selbst wenn sie das nicht tun, dürfte auch jemand anderes auf die Lösung kommen, der mit Epsilon zu tun hat und entweder ebenfalls eingemauert wurde oder sich gar noch in Freiheit befindet. Das eklatante Problem von „Brick“ dürfte sich kurz nach Ende der Handlung jedenfalls in Luft auflösen. Und dennoch gäbe es quasi grenzenlose Möglichkeiten für ein Sequel, das dann aber nicht am Schluss ansetzt, sondern vielleicht parallel zur Handlung des ersten Teils. So kann man theoretisch einfach zeigen, wie sich die Ausnahmesituation in anderen Wohnhäusern mit anderen Figuren und Konflikten abgespielt hat.
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Hier könnte sich die Lage sogar noch auswegloser und heikler gestalten, schließlich dürften längst nicht alle Gebäude in Hamburg zufällig auch einen Epsilon-Mitarbeiter beherbergen, der für einen Ausweg sorgen könnte. So wären womöglich noch mehr Spannungen vorprogrammiert, die schon im Haus von Tim und Olivia für allerlei Auseinandersetzungen und letztlich zum Tod aller anderen Figuren geführt haben – wobei diese natürlich teilweise auf Unfälle, Verzweiflungstaten und vor allem den Verschwörungstheoretiker Yuri (Murathan Muslu) zurückzuführen waren, der aus Angst vor einer potentiellen Gefahr außerhalb des Hauses um jeden Preis verhindern wollte, dass die Mauer geöffnet wird.
Eine Alternative wäre aber auch, die Technologie von Epsilon in einer „Brick“-Fortführung zum Einsatz kommen zu lassen, wenn möglicherweise wirklich eine große Gefahr eine Metropole bedroht.
Warum hat der Vermieter alle Wohnungen überwacht?
Obwohl „Brick“ das zentrale Mysterium sehr deutlich aufklärt, bleibt am Ende aber trotzdem noch die eine oder andere Frage offen, etwa warum der Vermieter von Tim, Olivia und Co. (Alexander Beyer) Kameras in den Rauchmeldern der Wohnungen installiert und seine Mieter und Mieterinnen überwacht hat. Hat er sie einfach für sein eigenes Vergnügen ausspioniert? Oder hat er gar gemeinsame Sache mit Epsilon gemacht und wollte so etwaige Tests überwachen?
Dass er mehr über die Technologie zu wissen schien, deutet zumindest die Art seines Ablebens an (das wir aber nicht direkt zu Gesicht bekommen). So fehlen ihm beide Hände, was ihn letztlich wohl verbluten ließ. Besehen wir uns die spätere Todesszene von Ana (Salber Lee Williams), deren Körper von der beweglich und dann wieder fest gewordenen Wand zerteilt wurde, liegt die Vermutung nahe, dass es auch dem Vermieter gelungen ist, mit der Wand zu interagieren, wenn auch nicht mit dem erhofften Ergebnis.
Alles nur eine Beziehungs-Metapher?
Es bietet sich abseits von der vordergründigen Handlung von „Brick“ aber durchaus auch noch eine ganz andere Lesart zum gesamten Film an. So könnte deren Ablauf auch als Metapher für die gebeutelte Beziehung von Tim und Olivia und deren letztendliche Rettung stehen. Zu Beginn von „Brick“ ist Olivia drauf und dran, Tim zu verlassen, da er sich nie wirklich mit der zwei Jahre zurückliegenden Fehlgeburt ihres gemeinsamen Kindes auseinandergesetzt und den Schmerz darüber einfach verdrängt hat.
Als Olivia ihre Beziehung mit Tim deswegen dann tatsächlich beenden will, taucht plötzlich die Mauer auf und zwingt den Videospielentwickler, sich dem Trauma zu stellen – bis zu einem emotionalen Streitgespräch im letzten Drittel des Films. Indem Tim seine Gefühle schließlich zum Ausdruck bringt und sich mit der Tragödie bewusst beschäftigt, seine eigenen inneren Mauern und auch die zu Olivia damit einreißt, kann endlich eine Heilung beginnen. Und passend dazu öffnet sich wenig später die Mauer und gibt den Weg für eine ungewisse, aber glücklichere Zukunft von Tim und Olivia frei.
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Abgerundet wird das dadurch, dass sich beide wortlos in ihren VW-Bus setzen und tatsächlich doch noch ihre Vergangenheit hinter sich lassen und gemeinsam in Richtung Neuanfang aufbrechen. Auch das surreale Schlussbild und die etwas seltsame Inszenierung von Tims Einschlafen vor dem Auftauchen der Mauer könnten in diesem Kontext suggerieren, dass die Geschehnisse nur im übertragenen Sinne abbilden, wie er den zurückliegenden Schicksalsschlag doch noch überwinden kann.
Wenn ihr abseits dieser Deutung und der obigen Erklärungen noch mehr über „Brick“ und die Entstehung des Netflix-Thrillers erfahren wollt, empfehlen wir euch auch noch unser folgendes ausführliches Interview mit Matthias Schweighöfer und Ruby O. Fee, die uns anlässlich ihres Films sogar einen Besuch in unserem Büro abgestattet haben:
In der eigenen Wohnung eingemauert: Matthias Schweighöfer und Ruby O. Fee im großen FILMSTARTS-Interview zum Netflix-Thriller "Brick"