Ex-Bond Daniel Craig in der "vielleicht besten Performance seiner Karriere": Außergewöhnliche Kino-Erfahrung findet ENDLICH den Weg ins Heimkino
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Unter der Regie des „Call Me By Your Name“-Regisseurs Luca Guadagnino ist Daniel Craig zu Spitzenform aufgelaufen: „Queer“ enthält eine der stärksten Leistungen in der Karriere des Ex-Bond-Stars. Nun kommt der Film ins Heimkino.

Obwohl viele Filmbegeisterte fest damit rechneten: Schlussendlich hat Daniel Craig keine Oscar-Nominierung für seine Leistung in „Queer“ erhalten – was mit allerlei Kopfschütteln quittiert wurde. Schließlich befand nicht nur FILMSTARTS-Chefkritiker Christoph Petersen: In „Queer“ liefert Craig „die vielleicht beste Performance seiner Karriere“.

Bald wird es ganz leicht, die getriebene, verletzliche, zuweilen liebenswert-unbeholfene und vor allem schmerzlich-sehnsüchtige Darbietung des Ex-Bond-Stars in bester Qualität zu bewundern. Denn über ein halbes Jahr nach Kinostart ist es so weit: „Queer“ erscheint im Heimkino – darunter als 4K-Disc!

Als haptisches Extra gibt es fünf Artcards, als Video-Bonusmaterial wiederum ein Essay über Luca Guadagninos „Projektion des Begehrens“. Parallel zur 4K-Version werden auch eine Blu-ray* und eine DVD* veröffentlicht, zudem ist der Film bereits als VOD via Prime Video* verfügbar.

Darum geht es in "Queer"

Mexiko-Stadt in den 1950er-Jahren: Der US-Amerikaner Lee (Daniel Craig) ist aufgrund seiner Drogensucht und fataler Ereignisse über die Grenze geflohen, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen – vor allem seine juristischen Schwierigkeiten. Seine Süchte konnte er allerdings nicht hinter sich lassen. Und so lungert er in Bars herum, stets auf der Suche nach Euphorie und nach Ablenkung von seiner Einsamkeit und seinen inneren Dämonen.

Außerdem sucht er sexuelle Gesellschaft, ganz gleich, ob er für sie bezahlen muss oder nicht. Als er Allerton (Drew Starkey) kennenlernt, der ein gutes Stückchen jünger ist, ist Lee völlig hin und weg – und muss einsehen, dass er mit seiner eigenen Homosexualität deutlich unbeholfener und verängstigter umgeht als die neue, queere Generation.

Lee entwickelt alsbald Sehnsucht danach, das vollkommene, gegenseitige Verständnis zu erreichen – und steigert sich in das Thema der Telepathie herein. Aber um in diese fabelhafte Sphäre der zwischenmenschlichen Kommunikation vorzustoßen, muss er eine sagenumwobene Lianenart im südamerikanischen Dschungel ausfindig machen…

Sehnsucht im teuflischen Dunstkreis

Geht es Lee wirklich darum, einen Weg zu finden, gedanklich mit dem von ihm geliebten Allerton zu verschmelzen und sich ihm so endlich, vollumfänglich nahe zu fühlen? Oder schiebt Lee dieses Motiv vor, um seine Suche nach dem ultimativen Rausch vor sich selbst zu rechtfertigen? Drehbuchautor Justin Kuritzkes, Regisseur Luca Guadagnino und Hauptdarsteller Daniel Craig lassen Raum zur Interpretation – denn narrativ, inszenatorisch und mimisch ist „Queer“ oftmals ambivalent.

Lee lässt sich als in die falsche Zeit und Gesellschaft geborene, sanfte Seele sehen, die durch selbstzerstörerische Tendenzen ihrem Weltschmerz zu entfliehen versucht. Oder als Mann mit selbstzerstörerischen Tendenzen, die ihm seine Fähigkeit rauben, gesunde Bindungen aufzubauen. Oder befindet sich Lee in einem Teufelskreis, in dem das Eine das Andere und das Andere das Eine bedingt? Ganz gleich: Dem energetischen „Challengers“, in dem sich Guadagnino ungestümer, junger und körperbetonter Begierde widmet, dient „Queer“ als Komplementärfilm.

Queer
Queer
Starttermin 25. Dezember 2024 | 2 Std. 16 Min.
Von Luca Guadagnino
Mit Daniel Craig, Drew Starkey, Jason Schwartzman
User-Wertung
2,9
Filmstarts
3,5

Lee ist voller Lust, jedoch von brüllender Hitze, lähmendem Alkoholpegel und müden Knochen ausgebremst – sowie vom tragischen Umstand, dass er nur in selektiven Momenten zu seiner Sexualität steht. Er kann ein leidenschaftlicher Liebhaber sein, oft stammelt er aber wie ein verschüchterter Schuljunge oder starrt kummervoll die Luft neben seinem Traummann an, während er sich lediglich vorstellt, ihm durchs Haar zu fahren.

„Queer“ ist von diesem Gefühl, etwas zu wollen, es sich aber nicht zu gestatten, intensiv durchzogen. Das daraus resultierende, elegische Erzähltempo und die konsequente Fiebrigkeit, mit der Guadagnino inszenatorisch von schwermütiger Sehnsucht zu gedankenverlorener Surrealität überleitet, dürften Gründe sein, weshalb „Queer“ ein größerer Spalter ist als der recht einhellig warm aufgenommene „Challengers“. Dieser Film ist schon schwer zu schlucken!

Aber eines lässt sich wiederum schwer verleugnen: Craig vermittelt Lees Schmerz, Kummer und Beklemmung meisterhaft – dazu gehört internalisierte Selbstabscheu, tief verwurzelte Angst vor sozialer (und rechtlicher) Strafe und Lees Bemühung, seine Drogensucht in Griff zu kriegen. Der Ex-Bond drückt all dies filigran als undurchdringlich verbundene, gleichwohl individuelle Facetten seiner Rolle aus.

Die sehnsüchtige Ergänzung zu "Naked Lunch"

Von den „The Social Network“-Komponisten Trent Reznor und Atticus Ross wird all dies klanglich so untermalt, dass man glatt glauben könnte, dass eine schwüle Hitze aus den Lautsprechern wabert, unheilig verschmolzen mit Angst-, Lust- und Hitzeschweiß. Die staubig-modellhaft gestalteten, von „Call Me By Your Name“-Kameramann Sayombhu Mukdeeprom in unwirklichen Bildern eingefangenen Schauplätze intensivieren dieses Gefühl, dank dem man „Queer“ vollauf als wehmütige, fast lähmende Romanze verstehen kann.

Eine weitere Ebene des Films erschließt sich derweil, wenn man sich vor Augen führt, dass er auf einem semi-autobiografischen Roman des Postmodernisten William S. Burroughs basiert, der mit seinem Werk unter anderem versuchte, seine Morphinsucht und einen tödlichen Unfall zu verarbeiten. Wer sich mit Burroughs' Biografie beschäftigt und Lee als Alter Ego des Schriftstellers akzeptiert, darf „Queer“ nicht nur als Komplementärfilm zu „Challengers“ auffassen, sondern zugleich als Ergänzung zum folgenden Kultklassiker von Bodyhorror-Meister David Cronenberg:

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