Stanley Kubrick gilt auch noch viele Jahre nach seinem Ableben als einer der wichtigsten Regisseure der Filmgeschichte. Mit „2001: Odyssee im Weltraum“ revolutionierte er das Science-Fiction Genre und mit „Full Metal Jacket“ setzte er neue Maßstäbe für den Kriegsfilm. Sein bis heute beliebtester Film bleibt wohl aber „Shining“. In Kubricks legendärer Stephen-King-Verfilmung kommen all die Qualitäten zum Vorschein, die den exzentrischen Filmemacher auszeichnen – von ausgeklügelten Bildkompositionen bis hin zu verstörend surrealen Sequenzen. Einiges davon guckte er sich aber auch von seinem geschätzten Regie-Kollegen David Lynch ab – nämlich von dessen Debüt-Film „Eraserhead“ (1977).
In Lynchs Autobiografie „Catching The Big Fish“ (die ihr hier* kaufen könnt) berichtet der „Lost Highway“-Regisseur stolz davon, welche Begeisterung Kubrick für sein Erstlingswerk übrig hatte. Dieser habe nämlich einst eine Gruppe von Filmemachern zu sich nach Hause eingeladen, um ihnen dort seinen Lieblingsfilm zu präsentieren: „Eraserhead“. Als Lynch von diesem Ereignis erfuhr, hätte er in seinen eigenen Worten „in diesem Moment glücklich sterben können“.
Kubricks Begeisterung nahm nicht ab und beeinflusste schließlich auch die Produktion von „Shining“, die nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung von Lynchs Kultfilm begann – so soll der Meisterregisseur seiner gesamten Filmcrew „Eraserhead“ gezeigt haben, um sie vor dem Dreh in die richtige Stimmung zu versetzen.
Dabei scheinen die beiden Filme auf den ersten Blick gar nicht so viel miteinander gemeinsam zu haben. Zwar handeln sie beide von Vätern, die über den Verlauf der Handlung immer wahnsinniger werden – doch ist David Lynchs auf Film gebannter Schwarzweiß-Alptraum nochmal ein ganzes Stück seltsamer. Das ist bei der Entstehungsgeschichte allerdings auch kein Wunder, denn die ist mindestens genau so verworren wie der Film selbst.
David Lynch drehte "Eraserhead" als Filmstudent
Lynch, heutzutage besonders berühmt für seine Kleinstadt-Mystery-Serie „Twin Peaks“, war damals noch ein junger und unbekannter Filmstudent. Er plante „Eraserhead“ ursprünglich als Kurzfilm, für den man ihm schließlich auch 10.000 Dollar in die Hand drückte. Während der Dreharbeiten kamen ihm aber immer wieder neue Ideen, deren Umsetzung weitere Finanzierung benötigten. So musste die Produktion regelmäßig auf Eis gelegt werden, und Lynch stand irgendwann sogar kurz davor die Arbeit am Film aufzugeben. Nach unglaublichen fünf Jahren Produktionszeit war das Herzensprojekt dann aber doch endlich vollendet – doppelt so lang und zehnmal so teuer wie einst geplant.
Für einen ursprünglichen Studentenfilm sind die finalen 100.000 Dollar Produktionskosten natürlich beachtlich, für einen Kinofilm in dieser Länge aber extrem wenig - zum Vergleich: Mit dem Budget von „Shining“ hätte man ganze 200 Mal „Eraserhead“ drehen können.
Trotzdem geht von Lynchs eigenwilligem Experimentalfilm eine ganz besondere Wirkung aus. Darin folgen wir dem dauernd verängstigten Henry Spencer (Jack Nance), der mit seiner frischen Vaterrolle nicht zurechtkommt – und schon bald von seiner Freundin Mary ( Charlotte Stewart) damit alleine gelassen wird. Verübeln kann man es ihr nicht, denn bei dem Kind handelt es sich augenscheinlich nicht um ein menschliches. Während dieses groteske Wesen unaufhörlich weint und die abscheulichsten Körperflüssigkeiten von sich absondert, driftet Henry immer wieder in surreale Gedankenwelten ab. Wie für Lynch typisch führt er uns dabei die meiste Zeit durch abstrakt gestaltete Szenerien mit skurrilsten Gestalten.
Und bei genauerer Betrachtung spürt man dann eben doch, wie diese Aspekte auch Kubrick beeinflusst haben müssen. So wird das Overlook Hotel in „Shining“ mit einem sehr ähnlich dröhnendem Sounddesign untermalt, wie die industriellen Bauten in Henrys Stadtviertel. Auch lässt Kubrick immer mal wieder seine bizarren Bilder für sich selbst sprechen – über den Hotelgast im Bärenkostüm zerbricht man sich heute noch genau so sehr den Kopf wie über die Sängerin mit den aufgeblähten Wangen aus „Eraserhead“.
Ihren ewigen Platz auf den Horror-Bestenlisten haben sich zweifellos beide Werke gesichert. Und auch wenn „Shining“ immer der bedeutsamere Film bleiben wird, ist es doch erstaunlich, dass ausgerechnet ein Studentenfilm dem als Vorbild diente.
Die Bewunderung beruhte bei den beiden Regisseuren übrigens auf Gegenseitigkeit. Umgekehrt verriet Lynch in seinem Buch nämlich auch, welcher sein Lieblings-Kubrick war: „Ich mag alle Filme von Kubrick, aber mein Favorit ist wohl ‚Lolita‘.“
„Eraserhead“ war zwar Kubricks Favorit, aber nicht der gruseligste Film den er je gesehen hat. Um welchen es sich dabei handelt, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:
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