Ausnahmen bestätigen die Regel, doch die wenigsten Regisseure starten direkt mit einem Meisterwerk in ihre Karriere. Auch Hollywood-Schwergewicht Martin Scorsese musste seine Stimme erst finden. Nachdem sein Langfilm-Debüt „Wer klopft denn da an meine Tür?“ (1967) sein Talent zwar erkennen ließ, aber noch deutlich von der französischen Nouvelle Vague beeinflusst war, machte er fünf Jahre später mit einer Auftragsarbeit weiter: „Die Faust der Rebellen“.
Es war der legendäre B-Movie-Produzent Roger Corman („Lebendig begraben“), der die Idee zu dem Film an Scorsese herantrug. „Es ist so etwas wie ‚Bonnie und Clyde‘, willst du ihn inszenieren?“, soll Corman den damaligen Jungregisseur gefragt haben. „Ich sagte: ‚Ja, unbedingt!‘“, erinnert sich Scorsese, der die Geschichte hinter „Die Faust der Rebellen“ in der neuen Dokumentation „Mr. Scorsese“ erzählt. Die Serie vollzieht den außergewöhnlichen Karriereweg des Oscar-Preisträgers („Departed – Unter Feinden“) von den Anfängen bis in die Gegenwart nach und kann im Abo von AppleTV gestreamt werden – übrigens auch als Zusatzkanal bei Amazon Prime Video:
„Die Faust der Rebellen“ erzählt die Geschichte der jungen Ausreißerin Bertha Thompson (Barbara Hershey), die während der Weltwirtschaftskrise auf den idealistischen Gewerkschafter Big Bill Shelly (David Carradine) trifft. Gemeinsam mit Rake Brown (Barry Primus) und Von Morton (Bernie Casey) ziehen sie durchs Land und halten sich mit Zugüberfällen über Wasser. Das lässt sich die enorm mächtige Eisenbahngesellschaft nicht lange gefallen – bald ist nicht nur die Polizei, sondern auch eine Bande skrupelloser Killer hinter ihnen her...
„Boxcar Bertha“, so der Originaltitel, war gemessen an seinem geringen Budget moderat erfolgreich, die Kritiker*innen zeigten sich aber nicht allzu begeistert. Trotzdem nennt Scorsese den Film eine wichtige Erfahrung: „Ich hatte [ihn] pünktlich fertiggestellt, ohne das Budget zu überschreiten und ohne gefeuert zu werden“, so der 82-Jährige. „Das war ein wichtiger Schritt für mich.“
Allerdings musste sich die heutige Regie-Legende nicht nur von der Fachpresse, sondern auch aus seinem persönlichen und beruflichen Umfeld einiges an Kritik anhören. Denn befreundeten Regie-Kollegen blieb nicht verborgen, dass es sich bei „Die Faust der Rebellen“ um ein eher unpersönliches Werk handelte. „Meine Freunde hassten den Film“, gibt Scorsese unumwunden zu. „Für sie war es, als hätte ich mir eine Krankheit eingefangen. Sie verurteilten mich und wandten sich von mir ab. Mehrere Leute, mit denen ich arbeiten wollte, sagten mir: ‚Komm uns nicht zu nahe!‘“
Scorsese wollte "Taxi Driver" drehen – doch niemand hat an ihn geglaubt
Dass der spätere „GoodFellas“-Macher aus finanziellen Gründen einen kommerziellen Film gedreht hatte, statt seinen eigenen Visionen zu folgen, kam bei seinen New-Hollywood-Mitstreitern nicht gut an – schließlich ging es der Bewegung, der auch Scorsese zugerechnet wird, explizit darum, das amerikanische Kino zu erneuern und nicht nach den alten (Studio)regeln zu spielen. „Dachten sie, du hättest deine Kunst verraten?“, hakt Rebecca Miller, Regisseurin von „Mr. Scorsese“, nochmals nach. „Ja, genau das dachten sie“, bestätigt Scorsese.
In dieser Zeit führte er mit Brian De Palma („Scarface“) Gespräche über das von Paul Schrader verfasste Drehbuch zu „Taxi Driver“. „Ich wollte den Film unbedingt machen“, so der gebürtige New Yorker, „aber die Produzenten Michael und Julia Phillipps nahmen mich überhaupt nicht ernst, weil ich ‚Die Faust der Rebellen‘ gemacht hatte.“ Schon nach seiner zweiten Regiearbeit befand sich der Filmemacher in einer künstlerischen Sackgasse.
Dieser legendäre Regisseur gab Martin Scorsese einen wichtigen Rat
Es war schließlich Independent-Kino-Ikone John Cassavetes („Eine Frau unter Einfluss“), die Scorsese die entscheidenden Worte mit auf den Weg gab. So zitierte er den verzweifelten Regie-Newcomer in sein Büro, nahm ihn in den Arm und sagte zu ihm: „Marty, du hast gerade ein ganzes Jahr deines Lebens damit verschwendet, totalen Mist zu drehen. Es ist ein passabler Film – aber du bist besser als die Leute, die solche Filme machen. Lass dich nicht in den Exploitation-Markt hineinziehen, versuch einfach, etwas anderes zu machen.“
Mit Blick auf sein deutlich experimentellere Debüt „Wer klopft denn da an meine Tür?“ (das Scorsese nach eigenen Aussagen „peinlich“ war) meinte Cassavetes: „Das ist genau die Art Film, die du machen solltest! Mach nie wieder solchen Unsinn wie ‚Die Faust der Rebellen‘!“ Scorsese bezeichnet den „Gloria“-Regisseur in der Doku sogar als sein „Gewissen.“
Scorsese folgte dem Rat von Cassavetes und nahm seinen ersten von mehreren Gangsterfilmen mit Robert De Niro in Angriff: „Hexenkessel“. Der nach eigenem Drehbuch entstandene Film sollte sich als extrem prägend für seine weitere Regie-Laufbahn erweisen, wurde fast durchweg gefeiert – und Scorsese war rehabilitiert. Nun konnte er endlich „Taxi Driver“ in Angriff nehmen – und der Rest ist Filmgeschichte...
Wenn ihr übrigens wissen wollt, welcher bis heute unterschätzten Meisterregisseur eines der ganz großen Vorbilder für Martin Scorsese ist, dann lest auch den nachfolgenden Artikel:
"Der mutigste Künstler, den das Kino je hatte": Diesen unterschätzten Meisterregisseur zählt Martin Scorsese zu seinen größten EinflüssenEin ähnlicher Artikel ist zuvor auf unserer französischen Schwesternseite AlloCiné erschienen.
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