Mit „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ wagt sich Regisseur Scott Cooper („Crazy Heart“) an ein ungewöhnliches Musik-Biopic: Statt die komplette Lebensgeschichte Bruce Springsteens nachzuerzählen, konzentriert er sich auf die Entstehung von „Nebraska“ – jenem düsteren, introspektiven Album, das der Musiker Anfang der 1980er-Jahre allein in seinem Schlafzimmer aufnahm.
Im FILMSTARTS-Interview spricht Cooper nicht nur über seine enge Zusammenarbeit mit Springsteen und dessen legendären Manager Jon Landau. Vor allem geht es um die große Herausforderung, Depression und Kreativität in Einklang zu bringen und den Mut, Unvollkommenheit zuzulassen. Auch über den Moment, als Bruce Springsteen nach der ersten Sichtung des fertigen Films in Tränen ausbrach, reden wir mit dem Filmemacher.
Anders als die langweiligen Musik-Biopics
FILMSTARTS: Ich muss mit einem kleinen Geständnis anfangen: Musik-Biopics sind für mich meistens langweilig, weil sie alle derselben Blaupause folgen. Jugend, dann den Aufstieg, den Absturz und schließlich das Comeback – das ist alles sehr schematisch.
Scott Cooper: Ja, das ist schrecklich.
FILMSTARTS: Du hast das nicht gemacht, du hast nicht ein ganzes Leben in eine zweistündige Erzählung gepresst. Du hast auch weniger einen Film über den Rockstar Bruce Springsteen, als über den Menschen dahinter, den Mann Bruce, gemacht. Warum?
Scott Cooper: Ich danke dir und genau aus diesem Grund. Ich teile dein Gefühl gegenüber Musikfilmen, die immer wieder dieselben Themen wiederkäuen. Darauf hatte ich keine Lust.
Doch dieses Album, Bruce Springsteens „Nebraska“, hat für mich eine enorme persönliche Bedeutung. Mich hat die Vorstellung seit Jahren fasziniert, dieses Kapitel zu erzählen. Es ist das wohl persönlichste und intimste in seinem Leben. Wie du richtig sagst, geht es um einen Mann, eine vernachlässigte Seele, die sich durch Musik selbst heilt. Zufällig heißt diese Seele Bruce Springsteen. Es ist nicht Bruce Springsteen, der Mythos oder die Ikone, sondern einfach ein Mann aus Freehold, New Jersey. Das war es, was mich berührt hat. Und deshalb habe ich den Film gemacht.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
FILMSTARTS: Wie schwer war es, Bruce Springsteen zu überzeugen? Wir wissen ja, dass er sehr zurückhaltend ist, wenn es um sein Privatleben geht. Er hat mehrfach abgelehnt, dass ein Biopic über ihn gemacht wird. Und jetzt hat er dir ausgerechnet das vielleicht intimste Kapitel seines Lebens anvertraut.
Scott Cooper: Ehrlich gesagt, war es gar nicht so schwer. Bruce ist ein Cineast. Er hat all meine Filme gesehen – einige davon mehrfach. Das hatte ich schon vorher gehört und erfahren, dass er eine Verwandtschaft zu meiner Arbeit sieht, weil wir beide die amerikanische Geschichte erzählen.
Letztlich ging es nur darum, eine persönliche Einführung zu Bruce zu bekommen. Das erfolgte durch Warren Zanes, den Autor des Buches „Deliver Me From Nowhere“. Danach waren wir uns ziemlich schnell einig, dass ich das Drehbuch schreibe und Regie führe.
Wie war es mit Bruce Springsteen als Beobachter am Set?
FILMSTARTS: Eure Zusammenarbeit ging aber noch weiter. Bruce und auch sein Manager Jon Landau waren die meiste Zeit auch beim Dreh am Set?
Scott Cooper: Oh ja. Sie waren auch davor immer erreichbar, wenn ich Fragen zu ihren Gemütszuständen hatte. Man kann aus Biografien, Autobiografien oder Fernsehinterviews nur so viel herauslesen. Um wirklich zu verstehen, wie jemand denkt und fühlt, muss man mit ihm sprechen. Und Bruce war unglaublich offen und großzügig. Es gibt Dinge im Film, die er nie zuvor öffentlich ausgesprochen hat.
Und das Gleiche gilt für Jon Landau: Er ist ein Top-Musikmanager und ein kreativer Partner. Wie man im Film sieht, ist er auch teils Therapeut, teils Vaterfigur. Er ist der Mann, der zwischen künstlerischem Risiko und kommerziellem Erfolg balanciert.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
FILMSTARTS: Dieses Spannungsfeld zwischen künstlerischem Risiko und kommerziellem Erfolg ist ein guter Punkt. Dein Film handelt schließlich von einem Album, bei dem Bruce Springsteen sich bewusst geweigert hat, den üblichen kommerziellen Regeln zu folgen. Natürlich konntest du das bei einem teuren Hollywood-Film nicht machen. Wie schwierig war es, die sehr dunklen Themen des Films wie Depression und Suizidgedanken mit dem Feiern von Bruce Springsteen und seiner Musik in Einklang zu bringen? Schließlich nutzt du ja nicht nur die Songs von „Nebraska“, sondern auch einige seiner bekanntesten Hits.
Scott Cooper: Ganz ehrlich – das war das Risiko. Es war ziemlich herausfordernd, eine so introspektive Geschichte zu erzählen und sie gleichzeitig so auszubalancieren, dass sie ein breiteres Publikum anspricht. Nicht nur die Bruce-Springsteen-Fans, von denen es viele gibt, sondern auch die, die ihn vielleicht nur über „Born To Run“ oder „Born In The U.S.A.“ kennen, die von „Nebraska“ aber noch nie gehört haben und im Kino womöglich ein bombastischeres, hymnisches Spektakel erwarten.
Das Gleichgewicht zwischen künstlerischem, filmischem Anspruch und einem kommerziell funktionierenden Film zu finden – das ist schwer. Ich hoffe, und ich denke, das Studio hat gute Arbeit geleistet, das Publikum darauf vorzubereiten, was für ein Film sie erwartet – und, noch wichtiger, was er nicht ist. Damit hoffentlich niemand ins Kino geht und etwas bekommt, das ihn negativ überrascht.
Über Humor in einem düsteren Film
FILMSTARTS: Du hast Jon Landau schon erwähnt. Seine Perspektive bereichert den Film in meinen Augen sehr – und sie erlaubt dir auch, etwas leichtere Momente einzubauen. War das ein Grund, ihn so stark, fast schon als zweite Hauptfigur, einzubinden?
Scott Cooper: Nein – du kannst keinen Film über Bruce Springsteen machen, ohne Jon Landau einzubeziehen. Ihre Beziehung ist so eng und einzigartig, es gibt im Rock’n’Roll nichts Vergleichbares. Also musste Jon Landau unbedingt dabei sein – und da hilft es aber natürlich, dass er nicht nur unglaublich klug, sondern auch sehr humorvoll ist.
Viele meiner früheren Filme sind dagegen eher humorlos, sie fordern viel vom Publikum. Aber wenn man Zeit mit Bruce verbringt, merkt man: Er kann sehr introspektiv und ernst sein – aber auch ausgesprochen witzig. Diese Tonalität einzufangen ist schwierig, aber ich glaube, ich konnte sie über Jon Landau transportieren – oder auch über seinen Gitarren-Techniker Mike Batlin, der im Film von Paul Walter Hauser gespielt wird.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
FILMSTARTS: Batlin ist für das Aufnehmen der Musik zuständig und daraus entwickelt sich eine lustige Mini-Episode, wie alle Techniker verzweifelt versuchen, den Sound von seiner Kassette auf eine Schallplatte zu übertragen – aber das ohne ihn zu verbessern. Wie schwierig war es für euch eigentlich, die Nachstellung der „Nebraska“-Aufnahmen so unfertig-authentisch klingen zu lassen?
Scott Cooper: Sehr schwierig. Wir leben heute in einer Zeit, in der man alles perfekt machen kann. Unsere Social-Media-Feeds sind überinszeniert und gefiltert. Heute kannst du Musik in deinem Schlafzimmer aufnehmen und es per Auto-Tune perfekt klingen lassen. Aber zu versuchen, etwas unvollkommen klingen zu lassen – so, wie Bruce es wollte, so, wie er es damals in seinem Schlafzimmer hörte – das war eine echte Herausforderung.
Zum Glück haben wir heute die Werkzeuge, um etwas so klingen zu lassen, als käme es aus der Vergangenheit – mit genau der richtigen Menge Verzerrung, dem richtigen kurzen Echo, all diesen Dingen. Aber das erfordert ein sehr erfahrenes Team, das diesen Sound wiederherstellen kann.
Jeremy Allen White singt selbst – dabei war das erst gar nicht der Plan
FILMSTARTS: Jeremy Allen White singt all diese „Nebraska“-Aufnahmen selbst. Es ist bei Musik-Biopics ja immer die Frage, was man mit der Stimme macht. Lässt man den Schauspieler singen? Nutzt man Originalaufnahmen? Macht man was dazwischen? War es dir wichtig, dass Jeremy selbst singt?
Scott Cooper: Nein. Alle Wege sind meiner Meinung nach völlig legitim. Dass Jeremy selbst singt, stand erst sehr spät fest. Ich wusste, dass er das verkörpern kann, was ich von Bruce wollte. Wir wollten Bruce nicht imitieren oder kopieren, sondern seine Verletzlichkeit, Intensität, Demut und dieses gewisse Selbstbewusstsein einfangen. Dafür habe ich Jeremy geholt.
Er arbeitete dann aber nicht nur mit einem Gitarrenlehrer, einem Mundharmonika-Coach und einem Bewegungstrainer, sondern auch mit Eric Vetro, einem bekannten Gesangscoach, der auch Timothée Chalamet für „Like A Complete Unknown“ und Austin Butler für „Elvis“ trainiert hat. Und erst im Laufe dieser Vorbereitungen dachte ich eines Tages: „Mein Gott, er kann das wirklich singen!“ Und dann hat er es getan.
Es gibt allerdings Momente im Film, in denen ich wollte, dass Bruce Springsteens Stimme spürbar „spukt“. Der Film handelt schließlich auf eine Art von Geistern. Bruce ist ein Gejagter: von seinem Vater, von ungelösten Traumata, von geerbten psychischen Problemen.
Deshalb hört man an ein paar Stellen bewusst Bruce selbst – weil es ein Film über das Heimgesuchtsein ist. Aber wenn man Jeremy zum Beispiel bei den Konzertperformances singen sieht, dann singt er das auch alles wirklich selbst.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
FILMSTARTS: Dass du Jeremy zuerst wegen seiner Schauspielfähigkeiten ausgewählt hast, erscheint mir logisch. Die großen Themen deines Films spielen sich im Innern von Bruce ab: seine dunklen Gedanken, die Depression. Die Darstellung davon ist ja ungemein schwierig. Das kann leicht banalisiert wirken oder dann zu überdeutlich daher kommen. Wie schwierig war es, mit Jeremy zu erarbeiten, wie er das mit seiner Gestik und Mimik subtil, aber doch wirkungsvoll einfängt?
Scott Cooper: Wir haben sehr umfangreich daran gearbeitet und viel darüber gesprochen. Es ist schließlich ein schmaler Grat – und man muss darauf vertrauen, dass das Publikum das Endergebnis versteht.
Dazu kommt auch eine Schwierigkeit: Bruce wusste damals nicht, dass er unter Depressionen litt. Das erfuhr er erst, als er in Therapie ging. Weil er nicht wusste, was mit ihm los ist, kann ich dem Publikum nicht einfach sagen: Das hier ist Depression! Das muss Bruce erst selbst verstehen, sonst wäre das Publikum ihm voraus.
Mir war so wichtig, dass man immer wieder spürt, dass er dunklere Gedanken hat. Er beginnt gerade eine Beziehung mit einer Frau, die er sehr mag – und zieht sich dann plötzlich wieder zurück. Er denkt an Selbstmord, wenn er mit 150 km/h über eine Landstraße fährt oder wenn er Jon Landau in Los Angeles anruft und sagt: „Jon, ich kann nicht mehr weitermachen.“ Jon dachte übrigens damals wirklich, das sei das letzte Gespräch zwischen ihnen.
Es ist eine ständige Balance. Seit meinem ersten Film „Crazy Heart“ mit Jeff Bridges war für mich immer das Wichtigste, dass die schauspielerische Leistung menschlich, glaubwürdig und wiedererkennbar wirkt.
Über den Dreh an realen Schauplätzen!
FILMSTARTS: Du hast dazu auch an vielen Originalschauplätzen gedreht – in Asbury Park, sogar im legendären Club Stone Pony ...
Scott Cooper: und übrigens auch im Tonstudio Power Station, wo Bruce „Born In The U.S.A. zum ersten Mal eingesungen hat. Jeremy stand genau an derselben Stelle ...
FILMSTARTS: Warum wolltest du unbedingt an diesen echten Orten drehen und nicht einfach irgendwo in einem Studiokomplex?
Scott Cooper: Das war absolut entscheidend. Du kannst keinen Film über den authentischsten Künstler Amerikas drehen, ohne dort zu filmen, wo es wirklich passiert ist – oder ohne Jeremy Allen White in Bruce Springsteens echten Klamotten auftreten zu lassen, was er tatsächlich getan hat – übrigens versehen mit Original-Requisiten von Bruce, die er uns überlassen hat.
Das verleiht dem Film, ob die Zuschauer das jetzt bewusst merken oder nicht, eine Authentizität, die man sonst kaum erreichen kann.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
FILMSTARTS: Deine Kollegin Gurinder Chadha hat mir vor einigen Jahren von dem besonderen Moment erzählt, als sie ihren Film „Blinded By The Light“ zum ersten Mal Bruce Springsteen gezeigt hat. Wie war das bei dir?
Scott Cooper: Darf ich dich erst fragen, was sie dir erzählt hat und wie es bei ihr war?
FILMSTARTS: Sie hat extra ein Kino gemietet und war den ganzen Film über sehr nervös, weil sie Bruce nur schräg von hinten beobachten konnte und versuchte, jede seiner Reaktionen zu deuten.
Scott Cooper: Sie ist so viel mutiger als ich. Ich hätte niemals mit Bruce im Kino sitzen können, während er meinen Film das erste Mal schaut. Als ich ihm und John Landau „Deliver Me From Nowhere“ zeigte, bin ich in der Zeit um den Hudson Square in New York spaziert.
Als er dann aus dem Kino kam, hatte er Tränen in den Augen. Er küsste mich auf die Wange, umarmte mich fest und sagte, der Film sei so viel besser, als er je gedacht hätte. Ich weiß nicht, ob seine Erwartungen vielleicht niedrig waren, aber er liebt den Film. Er hat ihn inzwischen zehn oder elf Mal gesehen.
„Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ läuft seit dem 23. Oktober 2025 in den deutschen Kinos. Warum der Film sehenswert ist, erfahrt ihr in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik. Nachfolgend haben wir auch noch unser Interview mit Hauptdarsteller Jeremy Allen White für euch. Mit ihm reden wir unter anderem darüber, dass er Bruce Springsteens mentale Probleme sehr gut nachvollziehen konnte und dadurch den richtigen Zugang fand, ihn zu spielen.
Jeremy Allen White über heiligen Boden und die Angst: Unser Interview zu "Springsteen: Deliver Me From Nowhere"