Wenn der legendäre Hollywood-Regisseur Martin Scorsese über Kino spricht, spürt man sofort, dass es für ihn keine bloße Leidenschaft ist – es ist eine Lebensform. So erzählte er vor wenigen Jahren dem Time Magazine, dass er Filme nicht einfach nur anschaut, sondern regelrecht studiert. Außerdem sprach er sich im selben Interview auch gegen die – bei Filmfans eigentlich sehr beliebten – Top-10-Listen von Filmen aus. Diese finde er zu limitierend.
Die Unmöglichkeit einer Bestenliste – Scorseses unendliche Filmliebe
„Ich versuche, im Laufe der Jahre Listen mit Filmen zu erstellen, die ich persönlich für meine Lieblingsfilme halte, was auch immer das bedeutet“, sagte Scorsese gegenüber Time. „Dann stellt man fest, dass das Wort ‚Lieblingsfilm‘ verschiedene Ebenen hat. Filme, die einen am meisten beeindruckt haben, im Gegensatz zu denen, die man einfach immer wieder sehen möchte, im Gegensatz zu denen, die man immer wieder sieht und aus denen man etwas lernt. Sie sind vielfältig.“
Scorseses Liste an Lieblingsfilmen ist also so facettenreich wie seine Filmografie. Aus zahlreichen Interviews, Verweisen innerhalb seiner eigenen Filme und Artikeln hat das Magazin IndieWire aber trotzdem eine umfangreiche Liste zusammengetragen. Neben Klassikern wie „Apocalypse Now“ und modernen Favoriten wie „TÁR“ ist aber auch manchmal ein überraschender Eintrag wie Robert Eggers' „Nosferatu“ dabei. Vor allem aber ein vergessener Sandalenfilm, der das römische Reich und die Antike für die damalige Zeit eindrucksvoll und epochal auf die Leinwand bannt, sticht aber aus Scorseses sonstiger Auswahl deutlich hervor.
Dieses Monumental-Epos liebt Martin Scorsese seit seiner Jugend
Die Rede ist von „Land der Pharaonen“, den Regisseur Howard Hawks im Jahr 1955 in die Kinos brachte – und von dem wahrscheinlich selbst einige versierte Enthusiasten des „Goldenen Hollywood“ noch nie gehört haben.
Das opulente Epos über Macht, Tod und Vergänglichkeit spielte aber in Scorseses Jugend eine prägende Rolle, denn der junge Filmemacher hatte eine ausgeprägte Faszination für die europäische Antike. „[...] Der Film, der mich wirklich angesprochen hat und den ich mir immer wieder angesehen habe, der bis heute mein Lieblingsfilm ist, obwohl ich weiß, dass es kein großartiger Film ist, vielleicht nicht einmal ein sehr guter Film, ist ‚Land der Pharaonen‘“, sagte Scorsese 1993 in der TV-Dokumentation „Martin Scorsese's Favorite Films“ (laut IndieWire).
Das Monumentalwerk erzählt die Geschichte eines Pharaos, der sein Leben dem Bau einer unbezwingbaren Grabkammer widmet – und damit dem Versuch, den Tod zu überlisten. Hawks selbst soll laut Scorsese anfangs an dem Projekt gezweifelt und nicht gewusst haben, wie man überhaupt so etwas Bildgewaltiges inszeniert, da er sich nicht mal vorstellen konnte, „wie ein Pharao überhaupt spricht". Genau diese Mischung aus Größenwahn und Vergänglichkeit faszinierte das zukünftige Genie. Er sah darin, wie er später erklärte, „einen Film über den Tod – und einen Film über die Vorbereitung auf den Tod“.
Vielleicht war es diese früh geweckte Ehrfurcht vor dem Ende, die sich später durch sein Lebenswerk und viele seiner Filme zog – von „Taxi Driver“ bis „Silence“, von der Gewalt in „GoodFellas“ bis zur spirituellen Sehnsucht in „Kundun“. „Land der Pharaonen“ mag allgemein in der Filmwelt nicht als großes, bekanntes Meisterwerk gelten, doch für Scorsese verkörpert es, was Kino für ihn bedeutet: ein Versuch, Ewigkeit in Bildern zu bannen.
Welchen Film Scorsese außerdem noch als sehenswert und ein besonderes Erlebnis bezeichnete, lest ihr hier: