Das neue Kinojahr geht gut los: Gleich drei (!) 5-Sterne-Meisterwerke werfen ihre Schatten voraus – darunter der chinesische Bildersturm „Resurrection“ (Kinostart steht noch nicht fest) sowie der Oscar-Kandidat „Marty Supreme“ mit Timothée Chalamet (Starttermin: 26. Februar). Den Anfang macht am heutigen Donnerstag, den 15. Januar, aber „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi.
Enyedi, die 2017 mit der Romanze „Körper und Seele“ den Goldenen Bären der Berlinale gewann, schlägt nach der (für viele enttäuschenden) Literaturverfilmung „Die Geschichte meiner Frau“ erneut eine völlig andere Richtung ein: „Silent Friend“ entfaltet sich auf 145 Minuten zu einem reichhaltigen, sinnlich-poetischen Panorama, das über Jahrzehnte und Generationen hinweg den Blick auf Menschen, Pflanzen und die stille Verbindung zwischen beiden richtet.
Der Baum des Lebens steht in Marburg
Im Zentrum steht ein alter Ginkgo-Baum im botanischen Garten der Philipps-Universität Marburg – der titelgebende stille Freund. Um ihn herum spinnen sich drei Geschichten, die insgesamt 112 Jahre umspannen. Die filmische Gegenwart bildet 2020, als der Neurowissenschaftler Tony Wong (Tony Leung) nach Marburg kommt, um an der Universität zu lehren und seine Forschung über die Gehirnfunktion von Babys fortzuführen. Die Corona-Pandemie zwingt die Studierenden jedoch bald nach Hause, und Tony bleibt zusammen mit dem skeptischen Hausmeister Anton (Sylvester Groth) im leeren Universitätsgebäude zurück. Bald richtet sich Tonys Aufmerksamkeit auf den Ginkgo, der still über dem Geschehen thront.
Die zweite Zeitebene erzählt von der Biologiestudentin Gundula (Marlene Burow) und Hannes (Enzo Brumm) im Jahr 1972. Zwischen ihnen könnte Liebe entstehen, doch Hannes' Unsicherheit und eine geplante Auslandsreise verhindern ein näheres Zusammensein. Gleichzeitig betreut Hannes eine Geranie, deren Reaktion auf Berührung Teil eines ehrgeizigen Experiments ist: Gundula will zeigen, dass Pflanzen eine Form von Wahrnehmung besitzen – ein Motiv, das auch in der Gegenwart nachwirkt.
Schließlich wird im Jahr 1908 Grete (Luna Wedler) als erste weibliche Studentin an der Universität Marburg aufgenommen. Anfangs vom männlichen Lehrpersonal klein gehalten, entdeckt sie in einer Assistenzstelle Wege, Pflanzenmuster fotografisch zu dokumentieren – und leistet so unverhofft Pionierarbeit.
Zittern um eine Geranie
Enyedi trennt die Zeitebenen nicht nur narrativ, sondern auch visuell: Die Gegenwart ist digital, die 1970er-Jahre erscheinen auf körnigem 16-mm-Film, und der historische Teil leuchtet in kontrastreichem, auf 35mm gedrehtem Schwarz-Weiß. Doch sie verschlingt die Epochen auch geschickt miteinander, wenn etwa Figuren förmlich durch die Zeit zu schauen scheinen und der Film mit einem einzigen Schnitt ein ganzes Jahrhundert überspringt.
Was nach überkonzipiertem, an der Grenze zur Esoterik balancierendem Unsinn klingt (schließlich schreckt „Silent Friend“ auch vor einer metaphysischen Dimension nicht zurück), entpuppt sich als erstaunlich zarter, eigenwilliger, in Teilen federleichter Film, dessen narrative und stilistische Triebe in ganz unterschiedliche Richtungen ausschlagen. Er ist Utopie und wissenschaftliche Chronik, neugierige Naturerkundung und melancholisches Hangout-Kino, das sich im allerbesten Sinne wholesome anfühlt. Und wer hätte gedacht, dass es möglich ist, um das Schicksal einer einfachen Zimmergeranie förmlich zu zittern und zu bangen? Wenn ihr euch davon selbst ein Bild machen wollt: Geht unbedingt ins Kino!
Mehr über den ebenfalls heute startenden „28 Years Later: The Bone Temple“, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:
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