Eines der größten Kino-Highlights 2025 solltet ihr spätestens jetzt nachholen: Dieser Jahrhundertfilm geht durch Mark und Bein!
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Mit ihrem ästhetisch eindringlichen, bedrückend erzählten, von gespenstischer Atmosphäre durchzogenen Drama „In die Sonne schauen“ schuf Mascha Schilinski den Lieblingsfilm 2025 unseres Autoren Sidney Schering. Jetzt ist es im Heimkino erhältlich!

Ein rund 150-minütiger Film in grobkörnigen 4:3-Bildern mit rauschender, knisternder, brummender Tonspur, der assoziativ durch die Jahrzehnte springt und leidende Frauen in den Fokus nimmt: Das ist kein Film, den man abhakt. „In die Sonne schauen“ will als Tagesschwerpunkt genossen werden, damit er durch Mark und Bein gehen und gebührend im Hinterkopf nachvibrieren kann. Wenn man mich fragt, sollte man das in Cannes mit dem Großen Preis der Jury prämierte Drama sogar mehrmals schauen, idealerweise zu unterschiedlichen Tageszeiten.

Denn ich habe Mascha Schilinskis brillanten Jahrhundertfilm einmal morgens vom ersten Bild an in Gedanken analysiert – und wurde mit einer erfüllenden Kinoerfahrung belohnt. Wenige Tage später sah ich ihn zu einer späteren Tageszeit und ließ mich schlichtweg mitreißen. Dieser Bauchgefühl-Besuch war komplett anders, aber genauso umwerfend! Falls ihr die Option haben möchtet, euch die Ausnahmeproduktion jederzeit anzuschauen: „In die Sonne schauen“ ist diese Woche auf DVD und Blu-ray erschienen!

Zudem ist das betörend-niederschmetternde Drama unter anderem auf Amazon Prime Video* als VOD verfügbar. Egal, wofür ihr euch entscheidet: Mit „In die Sonne schauen“ erwartet euch einer der zehn besten Filme 2025 laut Ranking von FILMSTARTS und Moviepilot – sowie meine Nummer eins des Kinojahres!

Darum geht es in "In die Sonne schauen"

Die Altmark: Die Wände eines abgeschiedenen Vierseitenhofs bezeugen die teils eng, teils lose verknüpften Leben mehrerer Generationen (darunter Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky, Zoë Baier, Luise Heyer und Claudia Geisler-Bading). Doch ganz gleich, ob in den 1910ern, 1940ern, 1980ern oder 2020er: Es fließt Blut, es werden Tränen vergossen und es wird verdammt viel Kummer heruntergeschluckt. Bis es nicht mehr geht...

Der ewige Kreis der begrenzten Freude

Bereits in der ersten Einstellung kollidieren Gestern und Heute: Fabian Gampers Kamera hat sich in den 1940ern so weit von einer jungen Frau entfernt, dass der dunkle Flur sie wie pechschwarze Balken einrahmt. Wir erblicken das raue Porträt einer jungen Frau im Hochkantformat, ein gebannter Blick auf das Vergangene, arrangiert für die Generation Instagram

Von dort aus entwerfen Regisseurin/Autorin Schilinski und Drehbuchautorin Louise Peter eine mit nordisch-herbem Temperament versehene, faszinierend-spröde Bestandsaufnahme der Position der Frau im Lauf von mehr als 100 Jahren. Zwar haben weibliche Personen in „In die Sonne schauen“ nicht sämtliches Leid für sich gepachtet, auch Männer durchlaufen Demütigung und körperliche Pein. Dennoch wird bewusst der Fokus auf Frauen gelegt, die im Patriarchat wie Objekte, seelenlose Dienerschaft und Menschen niederer Klasse behandelt werden. Die Konsequenz dessen ist, dass sie lieber „ins Wasser gehen“ oder sich ins Leere stürzen, als weiter den für sie vorgesehenen, eng gesteckten, steinigen Weg zu beschreiten.

Das beklemmende Bildformat betont die knapp bemessenen Lebensentwürfe, die Frauen gestattet wurden (und werden), während die von Billie Mind entworfene, brausende Geräuschkulisse einen Eindruck gestattet, welch atonales Rauschen in freudlosen Gedanken vorherrscht. Dadurch, dass Schilinski, Peter und die Filmeditorin Evelyn Rack diese Momentaufnahmen ineinander übergehen lassen, entsteht obendrein eine Konversation über Zeitebenen hinweg. Eine Konversation, die das generationsübergreifende Echo erlebter Traumata sowie verschleppter Angst- und Schuldgefühle intensiviert. Weiter zeigt sich, dass sich Mode, Inneneinrichtung, Sprache und Tagespolitik ändern, zahlreiche Probleme aber nicht. Etwa müssen Mädchen in den 2020ern denselben stechend-begierigen Blick von Männern fürchten, der schon Dekaden zuvor für eisige Schauer sorgte.

Wenn es zu viel wird, einfach fallen lassen

Zugleich gestattet Schilinski durch den assoziativen, geisterhaft wabernden Fluss ihres Films, sich von der Fülle an geschichtlichen Hintergründen zu lösen, um sich direkt in das Gezeigte zu stürzen und es einfach zu fühlen:

Wann immer während meines Bauchgefühl-Kinobesuchs eine Figur ins Leere starrte, nicht wissend, dass Jahrzehnte später eine andere Frau an Ort und Stelle ihren Kummer teilen und ebenso nach Trost sehnen sollte, überkam mich ein wehmütiger Schauer des Mitleids. Als ein Mädchen kummervoll erklärte, sich nicht weiter an ein geliebtes Gesicht zu erinnern, während es in entstellender Unklarheit über die Leinwand knisterte, traf mich das härter in der Magengrube als alles, was das Horrorkino 2025 bereithielt. Und Anna von Hausswolffs Lied „Stranger“ wird für mich untrennbar mit dem Gefühl immensen Gegenwinds verbunden sein – und mit der winzigen Hoffnung, ihn ausnutzen zu können.

Doch ganz gleich, ob kopf- oder gefühlsbetonte Annäherung: Für mich ist Schilinski Bravourstück zuvorderst ein filmischer Wandteppich, der Menschen zeigt, deren Hoffnungshorizont mit Gewalt gedeckelt wird, sei es durch Strukturen, das unmittelbare Umfeld oder ein depressives Gemüt. Und die einzige Reaktion, die sie zu kennen scheinen, ist das Erzeugen weiteren Schmerzes. Sie spielen sich Streiche, blamieren sich, verletzen sich. Unzufriedene drosseln ihr sowieso geringes Glücksgefühl weiter, davon ausgehend, dass der Schmerz des dumpfen Aufpralls, der blutig gelaufenen Füße oder der Alltagsgemeinheiten alsbald vergehen wird.

Sie glauben, dass das anschließende Gefühl der Besserung, zurück zum gedeckelten Maximum an Erfüllung, Glücksgewinn bedeutet. Jedoch gaukeln sie sich somit etwas vor. Diese Jahrhundertimpressionen führen vor, in welche Abwärtsspirale dieses Vorgehen mündet: Verletzte Leute verletzen Leute. Dieses Drama über die eng gesteckten Grenzen des Glücks und die unendlichen Tiefen des Schmerzes mahnt einfühlsam wie eindringlich, Verständnis für dieses Problem zu entwickeln, sich und andere zu befreien und über die als Naturgesetz hingenommene Barriere des möglichen Wohlbehagens hinweg zu bewegen.

Und sollte euch politisierte Action mit bissigem Witz beflügeln, hilft euch unser folgender Heimkino-Tipp vielleicht bei diesem Versuch:

Neu im Heimkino: In diesem Meisterwerk erwartet euch eine der besten Verfolgungsjagden aller Zeiten – und noch so viel mehr!

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