Ein außergewöhnlicher Kriegsfilm von einem der besten deutschen Regisseure – wer ihn 2025 verpasst hat, kann ihn jetzt im Heimkino nachholen
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Vergangenes Jahr meldete sich Fatih Akin mit einem Drama zurück, das sich dem Zweiten Weltkrieg aus einer ungewöhnlichen Perspektive nähert: „Amrum“ zeigt, wie sich das Kriegsende für einen zwölfjährigen Jungen auf der Frieseninsel anfühlte.

Ursprünglich sollte „Amrum“ eine komplett autobiografische Angelegenheit werden: „Nordsee ist Mordsee“-Regisseur und „Tschick“-Drehbuchautor Hark Bohm wollte seine Kindheitserinnerungen an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Filmform pressen. Doch weil Bohms Gesundheit vor dem geplanten Drehbeginn stark nachließ, übernahm der mit Bohm eng befreundete Fatih Akin die Inszenierung.

Daher wird „Amrum“ im Vorspann als „Hark Bohm Film von Fatih Akin“ tituliert. Passend für einen Film, dessen Skript von persönlichen Erfahrungen durchzogen ist, während Akins Bildsprache von tief empfundenen Respekt gegenüber seinem Mentor (der wenige Wochen nach dem bundesweiten „Amrum“-Kinostart verstorben ist) dominiert wird.

An den Kinokassen kam diese Melange aus Coming-Of-Age-Drama, Selbst- und Fremdreflexion sowie Blick darauf, wie hasserfüllte Kriegspropaganda auch fernab der Front das Wohl einer Familie zersetzt, toll an: Mit mehr als 830.000 verkauften Eintrittskarten zählt „Amrum“ zu den 20 größten Kassenschlagern, die 2025 in den hiesigen Kinos gestartet sind. Nun hat das außergewöhnliche Drama über den Zweiten Weltkrieg ins Heimkino gefunden: „Amrum“ ist ab sofort auf Blu-ray erhältlich.

Als Bonusmaterial winken eine Set-Tour, Featurettes und eine Präsentation der Storyboards dreier Szenen. Falls ihr darauf und auf das haptische Element verzichten könnt: „Amrum“ ist unter anderem bei Prime Video* als VOD verfügbar.

Darum geht es in "Amrum"

Auf dem Festland tobt der Zweite Weltkrieg – und obwohl aus dem Volksempfänger anders lautende Aussagen plärren, sprechen die angespannte Stimmung, die Lebensmittelknappheit und die von der Front in die Heimat geflüsterten Nachrichten eine klare Sprache: Nazi-Deutschland steht eine Niederlage bevor. Der zwölfjährige Nanning (Jasper Billerbeck) bekommt dies auf Amrum allerdings bloß am Rande mit.

Er ist stattdessen rund um die Uhr damit beschäftigt, seiner Familie unter die Arme zu greifen. Sie wurden in Hamburg ausgebombt und mussten auf die Nordsee-Insel fliehen, während sein Vater, ein ranghoher Nazi, in Kriegsgefangenschaft landete. Als seine Mutter Hille (Laura Tonke), eine überzeugte Nationalsozialistin, angesichts des nahenden Siegs der Alliierten in eine tiefe Depression verfällt, fasst Nanning einen Plan: Im Zuge komplizierter Tauschgeschäfte will er an genügend Zutaten kommen, um ihr ein wohltuendes Brot mit Honig zu kredenzen. Die Zutaten sind knapp und das Backwerk wird daher winzig ausfallen. Aber egal: Hauptsache, das Brot ist weiß!

Ein Rückblick darauf, wie blauäugig ein Junge düstere Zeiten wahrgenommen hat

„'Amrum' ist angesichts der düsteren Zeit ein überraschend sonniger und unterhaltsamer Film“, urteilte FILMSTARTS-Chefkritiker Christoph Petersen in seiner 3,5/5 Sterne-Kritik. Weiter schreibt er: „Zudem ist die Erzählung – gerade wegen ihrer betonten Subjektivität – bis obenhin vollgestopft mit kleinen Details über das Inselleben während des Krieges, die man in einem herkömmlichen, historisch fundierten Film über diese Zeit in dieser Dichte kaum zu sehen bekäme.“

Dieser eng an Nannings naivem Blickwinkel klebende Ansatz gefällt zweifelsfrei nicht allen, ist aber konsequent: „Amrum“ ist, wenn man so will, der deutlich bodenständigere Cousin von Taika Waititis tragikomischer Satire „Jojo Rabbit“. Die zeigt die Schlussphase des Zweiten Weltkriegs aus den Augen eines Jungen, der sein Leben lang von Nazi-Propaganda manipuliert wurde – bis er zur sein hasserfülltes Weltbild aus den Angeln hebenden Erkenntnis erlangt, dass seine Mutter für den Widerstand tätig ist und eine Jüdin vor den Faschisten versteckt.

„Amrum“-Protagonist Nanning ist kein derart euphorischer Mini-Nazi wie die „Jojo Rabbit“-Hauptfigur Johannes, auch dank des Einflusses durch Bäuerin Tessa (Diane Kruger) und Tante Ena (Lisa Hagmeister), die der Fascho-Ideologie widersprechen, sowie eine geheimnisvolle Vorgeschichte rund um Onkel Theo (Matthias Schweighöfer). Trotzdem ist Nanning eingangs aus Blauäugigkeit sowie Leichtsinn ein Denunziant und hat Ansichten seiner Eltern verinnerlicht. Doch während seiner aus Empathie angetretenen Brotbackquest macht er nach und nach mit der Unmenschlichkeit des Regimes und der Kaltherzigkeit der NS-Ideologie Bekanntschaft.

Dem Verfasser dieses Artikels fehlte in „Amrum“ dieser durchdacht eingefädelten Erzählung trotzdem das gewisse Etwas. Etwas mehr Biss, etwas Schärfe oder ein länger nachhallender, bitterer Nachgeschmack – aber andererseits: Warum bitte erwarte ich so etwas von einem Film über ein Weißbrot mit Honig?

Einen schwererer im Magen liegen bleibenden Historienfilm über das Dritte Reich haben wir euch derweil im folgenden Streaming-Tipp vorgestellt:

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