"Sie wird niemals ein Star": Regie-Ikone David Lynch hatte kein Vertrauen in diese vielfach preisgekrönte Schauspielerin
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Schon in der Grundschule las er Kino-Sachbücher und baute sich parallel dazu eine Film-Sammlung auf. Klar, dass er irgendwann hier landen musste.

Während der Vorbereitungen auf „Dune – Der Wüstenplanet“ wurde David Lynch eine damals noch unbekannte Schauspielerin ans Herz gelegt – doch er sah in ihr keinerlei Starpotential.

Glenn Close wurde zwar noch nie mit einem Oscar ausgezeichnet, dafür aber ganze acht Mal nominiert – darunter für das prunkvoll ausgestattete, prickelnde Kostümdrama „Gefährliche Liebschaften“ und „Hillbilly-Elegie“, die kontrovers diskutierte Adaption der gleichnamigen Memoiren des vom verstorbenen Papst Franziskus scharf kritisierten US-Politikers J.D. Vance. Close wurde zudem mit jeweils drei Golden Globes, Emmys und Tony Awards ausgezeichnet.

Obendrein würden nicht wenige Filmfans ihr die denkwürdigste Performance in einer Realneuverfilmung eines Disney-Zeichentrickklassikers zusprechen: Close begeisterte in „101 Dalmatiner“ und „102 Dalmatiner“ als herrlich fiese Pelz-Enthusiastin Cruella de Vil. Doch ausgerechnet einer der meistrespektierten Hollywood-Regisseure der vergangenen 60 Jahre hatte kein Vertrauen in ihr Potential: David Lynch!

Close hätte in "Dune" mitspielen können

Der dieses Jahr verstorbene „Lost Highway“-Macher verantwortete zwar primär düstere, unter die Haut gehende Projekte, er selbst genoss jedoch den Ruf eines sehr respektvollen und freundlichen Regisseurs. Zahlreiche Filmstars sprachen daher auch nach seinem Tod bloß in höchsten Tönen von ihm, darunter „Ring“-Mimin Naomi Watts, die überzeugt ist, sie hätte ohne Lynch längst das Schauspiel aufgegeben (wir berichteten).

Doch wenn uns Lynchs Schaffen eins neben dem Fürchten lehrte, dann die Erkenntnis, dass Menschen komplex und daher fehlbar sind. Dass auch visionäre, einfühlsame Köpfe irren und im Urteil vergreifen können, sollte also keine Menschenseele überraschen. Und so verriet „Batman“-Kostümbildner Bob Ringwood, dass er von Lynch einst eine ungewohnt rüde Einschätzung von Glenn Closes Karrierepotential zu hören bekam.

Dazu kam es während der Vorproduktion von Lynchs Sci-Fi-Kuriosum „Dune – Der Wüstenplanet“: Ringwood war bereits als Kostümdesigner an Bord, während sich Lynch und Produzentin Raffaella De Laurentiis noch den Kopf bezüglich der Besetzung zerbrochen haben. Ringwood wollte sich als nützlich erweisen und machte ihnen einen Vorschlag für die Rolle der Lady Jessica, die in Lynchs „Dune“ letztlich an Francesca Annis und später in Denis Villeneuves „Dune“-Interpretation an Rebecca Ferguson ging – die damals noch praktisch unbekannte Glenn Close!

Der Kostümbildner sah sich die Tragikomödie „Garp und wie er die Welt sah“ an, die gleichzeitig Robin Williams' zweiter Kinofilm und Closes Leinwanddebüt war. Der von der Kritik wohlwollend aufgenommene Film war zwar kein großer Kassenschlager, sollte sich aber letztlich zwei Oscar-Nominierungen sichern – darunter eine für Close.

Als Ringwood „Garp und wie er die Welt sah“ im Kino sah, war das aber noch nicht zu erahnen – für ihn war es einfach eine Tragikomödie mit einem bis dahin schauspielerisch völlig unbeschriebenen Blatt in tragender Rolle. Seine Art, Close für die Rolle der Lady Jessica vorzuschlagen, war jedoch nicht die schmeichelhafteste.

Wie er im „Dune“-Making-Of-Buch „A Masterpiece In Disarray“ nacherzählt: „Ich habe ‚Garp und wie er die Welt sah‘ gesehen, einen ihrer frühen Filme. Am nächsten Tag bin ich zu David und Raffaella gegangen und meinte: ‚Ich habe gerade diesen Film gesehen, und da macht diese Schauspielerin namens Glenn Close mit. Sie ist nicht hübsch, aber verdammt gut!‘“

Auf Ringwoods Empfehlung hin luden Lynch und De Laurentiis die damals noch recht unerfahrene Close zum Casting ein – und lehnten sie, so lautet jedenfalls die Nacherzählung des Kostümbildners, aus recht oberflächlichen Gründen ab.

„Ich habe gefragt: ‚Wie lief es mit Glenn Glose?‘“, so Ringwood in „ A Masterpiece In Disarray“. „Sie antworteten: ‚Sie ist so unscheinbar, sie wird niemals ein Star.‘“ Dabei habe sich auch „Dune“-Castingdirektorin Jane Jenkins für Close eingesetzt, da sie sich sehr gut als Lady Jessica vorstellen konnte. Letztendlich schadete Lynchs und De Laurentiis' Urteil der Schauspielerin kein Stück:

Während „Dune“ 1984 zum kostspieligen Flop wurde und sich Lynch noch jahrzehntelang kritisch über seinen eigenen Film äußerte, startete im selben Jahr das Sportdrama „Der Unbeugsame“ in den US-Kinos. Der Film war nicht nur ein Erfolg, sondern brachte Close sogar ihre dritte Oscar-Nominierung ein! Wer weiß, wie anders die Filmgeschichte verlaufen wäre, hätte nicht Lynch, sondern „Gladiator“-Regisseur Ridley Scott „Dune“ übernommen – so, wie es kurzzeitig geplant war:

Ridley Scott hätte beinahe "Dune" inszeniert – und dafür einen anderen Sci-Fi-Meilenstein sausen lassen

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