Im Jahr 2007 wollte der chinesische Milliardär und selbst erklärte Filmfan Jon Jiang sich seinen Traum erfüllen und in seiner Heimat China einen epischen Fantasyfilm finanzieren und produzieren. Er heuerte erst einmal Hollywood-Autor Randall Frakes an. Weil der ein langjähriger Mitstreiter seines Vorbilds James Cameron war, schien er Jiang ideal, um seine Ideen in ein Drehbuch zu verwandeln. Dass Frakes nach einiger Zeit frustriert das Handtuch war, weil es ihm unmöglich war, Jiangs verschiedenste aus diversen Lieblingsfilmen von „Star Wars“ bis „Indiana Jones“ zusammengeklaubten Handlungsstränge in einem Skript zu vereinen, hätte ein Warnschuss sein können – aber nicht für den Milliardär.
Die Veröffentlichung von James Camerons „Avatar - Aufbruch nach Pandora“ bestätigte ihn sogar noch mal, auf dem richtigen Weg zu sein. Er würde das chinesische „Avatar“ machen. Sein Film, für welchen er ein Budget von 100 Millionen Dollar veranschlagte, sollte nicht nur der teuerste Film der chinesischen Kinogeschichte werden. Mit einem internationalen Cast und in englischer Sprache gedreht werde es der Auftakt für eine globale Kino-Trilogie und mehr: Videospiele, zahlreiche Merchandise-Produkte und sogar ein Vergnügungspark waren noch geplant.
Dieser Film war Jahre in der Entwicklung, ist aber nie erschienen
Doch schon im Vorfeld gab es zahlreiche Probleme. Der eigentlich für die Inszenierung vorgesehene „Star Wars: Das Imperium schlägt zurück“-Regisseur Irvin Kershner gehörte zu mehreren Leuten, die wieder absprangen. Kershner erkannte, dass die wirre Fantasy-Geschichte um ein Meerjungfrauen-Reich und Helden aus der griechischen Antike nicht funktionierte.
Irgendwann kam es schließlich doch zum Drehbeginn. Ab 2010 liefen die Aufnahmen unter dem eher unbekannten Filmemacher Jonathan Lawrence, der kurzfristig für den eigentlich nach Kershner eingeplanten und ein Jahr in der Vorbereitung steckenden „Catwoman“-Macher Pitof einsprang. Über die Zeit folgten auf dem Regie-Posten noch die ebenfalls eher unbekannten Michael French und Scott Miller. Das Budget kletterte irgendwann auf 130 Millionen Dollar und viel Zeit zog ins Land.
Im Jahr 2012 erschien dann der zu Beginn dieses Artikels auch eingebundene Trailer – nicht nur wir wunderten uns damals über die sehr trashige Qualität für ein angeblich so teures Projekt. Der finale Film erschien allerdings nie – trotz verschiedenster Versuche. 2014 gab es so die Idee, eine andere Schnittfassung in Umlauf zu bringen. Doch nachdem Jiang Vorführungen für alle Hollywood-Verleiher in Los Angeles ansetzte, hagelte es im Anschluss nur Absagen. 2016 gab es den Versuch, mittels einer öffentlichen Crowdfunding-Kampagne in China einen Kinostart zu erwirken. Doch das Interesse war erneut nahe Null. So ist der Film nie erschienen...
Warum? Es ist so viel schiefgelaufen, dass man mehrere Artikel damit füllen könnte. Doch eine Anekdote des lange mit dem Projekt betrauten Regisseurs Pitof erklärt es wahrscheinlich perfekt. Denn was er erzählt, ist wohl die Blaupause für alle weiteren Fehlschläge...
Das Scheitern von "Empires Of The Deep": Regisseur Pitof plaudert aus dem Nähkästchen
Regisseur Pitof war nach Kershners Absage Produzent Jon Jiangs erste Wahl für die Regie. Der langjährige und preisgekrönte Visual-Effects-Spezialist feierte seinen Durchbruch mit dem Fantasy-Horror „Vidocq“, ist heute vor allem für den Hollywood-Mega-Flop „Catwoman“ bekannt. Als ihn Jiangs Angebot erreichte, war er interessiert und machte sich trotz fehlender Vorbereitungszeit auf den Weg nach China, um direkt mit der Vorproduktion zu beginnen.
Ein wichtiger Teil von dieser ist das Finden der richtigen Crew – und ganz vorne ist der sogenannte „DP“, der „Director Of Photography“, der Chef-Kameramann und Verantwortliche für die Bilder. In einem Interview mit dem YouTube-Kanal Toni's Film Club erinnert sich Pitof zurück, dass er gerade einen Film mit beeindruckender Bildsprache gesehen hatte. Er sagte Jiang, dass er gerne mit dem „DP“, dem Kameramann dieses Films arbeiten würde – und der finanzstarke Produzent machte klar, dass dies kein Problem sei.
So viele Jobs in Hollywood – da ist es auch schwer, den Überblick zu behalten
Einige Tage später hatte der Produzent die freudige Nachricht für seinen Regisseur, dass er ihm seinen Kameramann gefunden hat. Wie Pitof sich erinnerte, folgte ein gemeinsames Kennenlernen, in dessen Anschluss der Regisseur dem Produzenten sagte: „Jon, ist das der Chef-Kameramann? Ich glaube nicht!“ Doch der Milliardär sei sich sicher gewesen, den richtigen Verantwortlichen für die großartigen Bilder aus dem von Pitof angeführten Film verpflichtet zu haben: „Ich kann es dir beweisen, ich habe die DVD und zeige es dir“, erklärte er seinem Filmemacher.
Daher schauten sich beide ein Making-Of an und dabei fiel Pitof direkt auf: „Der Typ“, mit dem er gerade ein Meeting hatte, war ein sogenannter „Camera Operator“, also eine Person, die am Set die Kamera bedient, aber nicht der Chef-Kameramann. Es ist eine Verwechslung, die Leuten mit wenig Ahnung vom Film passieren kann, weil gerade in der Übersetzung ein Teil der Bedeutung des Begriff „Director Of Photography“ verloren geht. Auch in der deutschen Sprache wird dieser schließlich oft – so auch in unserer Artikel-Überschrift – einfach als „Kameramann“ bezeichnet, was man dann missverständlich als reine Bedienfunktion verstehen kann, nicht als Verantwortlichen für die gesamte Bildgestaltung.
Daher wollte Pitof den Produzenten über seinen Irrtum aufklären und ihm das Missverständnis erklären. Doch der war wohl höchst uneinsichtig und wollte rein gar nichts davon wissen. Er bestand darauf, dass man sich gerade wirklich mit dem Chef-Kameramann getroffen habe. Schließlich halte dieser Mann ganz eindeutig die Kamera in der Hand. Wie Pitof in dem YouTube-Interview anschaulich nacherzählt, verwies er an dieser Stelle auf eine andere Person im Making-Of, „einen älteren Typ“, der durch eine Linse schaut, die richtige Beleuchtung checkt, alles überwacht und prüft. Der sei der Chef-Kameramann, machte er seinem Produzenten deutlich.
Doch das habe Jon richtig entsetzt: „Was, das ist ein alter Typ, der ist blind? Ich will den Typen, der die Kamera in der Hand hat. Der Film wird mit einer Kamera gedreht, nicht mit einem alten Typen“, soll der Produzent seinem Regisseur entgegnet haben. Pitof bleibt in seiner Erzählung nur eine kopfschüttelnde Feststellung über seinen sturen Gesprächspartner: „Nein, so funktioniert es nicht, Jon!“
Mit einem sturen, ahnungslosen Besserwisser als Chef kann nichts klappen
Auch wenn der Regisseur danach es erst einmal noch versuchte, verließ er nach insgesamt einem Jahr Vorproduktion kurz vor Drehbeginn das Projekt. Schließlich war „Empires Of The Deep“ hier längst zum Scheitern verurteilt – auch wenn erst kurze Zeit später mit dem eilig verpflichteten Jonathan Lawrence der eigentliche Dreh überhaupt erst begann.
Denn was sich in Pitofs Anekdote zeigt, findet sich auch in allen weiteren Geschichten zum Scheitern von „Empires Of The Deep“ wieder. Sie laufen im Wesentlichen darauf hinaus, dass Milliardär Jon Jiang keine Ahnung hatte, wie man einen Film dreht und was die einzelnen Leute am Set machen. Gleichzeitig war er aber der Meinung, es besser zu wissen, sodass er die von ihm angeheuerten Personen immer wieder überstimmte und ihre Konzepte verwarf. Und schließlich war er auch noch zu stur, sich in dieser Hinsicht belehren und aufklären zu lassen.
Das Video „A Billionaire Tried To Make A Movie. It Was A Disaster.“ auf dem YouTube-Kanal Toni's Film Club liefert euch übrigens noch weitere Anekdoten von Beteiligten rund um „Empires Of The Deep“. Das Paradebeispiel für Größenwahn und visionären Dilettantismus ist schließlich ein längst legendäres Desaster-Projekt. Mehr zu einem anderen gescheiterten Kino-Film gibt es derweil im folgenden Artikel:
"Ich wusste, dass es ein verdammter Flop wird": Charlize Theron glaubte von Anfang an nicht an Sci-Fi-Desaster, das sie eine große Marvelrolle kostete