Der Wandel vom geradlinigen, klassischen US-Western zum brutaleren, ebenso von Ironie wie Zynismus durchtränkten Spaghetti-Western mit Helden, die provokant anecken, geschah nicht über Nacht: Bevor das Italo-Kino das Genre voller Staub, Pferden und Sand neu erfand, setzte eine kleine, bahnbrechende Auswahl an Hollywood-Filmen die Wildwest-Evolution in Gang.
Zu diesen rauen, provokanten Meilensteinen gehört der Revolutionskrieg-Western „Vera Cruz“ des Regie-Vordenkers Robert Aldrich, der auch den dramatischen Psycho-Horrorthriller „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ verantwortete: Trotz einer harschen Atmosphäre und unbequemen Helden wurde Aldrichs Western zu einem stolzen Kassenschlager – und daraufhin zur Inspirationsquelle für Filmemacher wie Sam Peckinpah und Sergio Leone. Diese Woche hat „Vera Cruz“ eine Blu-ray-Neuauflage im deutschen Heimkino erhalten!
Seine deutsche Blu-ray-Premiere feierte der Western-Meilenstein 2011, diese Auflage ist allerdings kaum noch zu kriegen. 2022 kam zudem ein (weiterhin erhältliches) Mediabook* mit dem Film auf Blu-ray und DVD sowie mit einem 24-seitigen Booklet heraus.
Darum geht es in "Vera Cruz"
1866: Benjamin Trane (Gary Cooper) kämpfte im US-Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten. Jetzt tut er sich mit dem Banditen Joe Erin (Burt Lancaster) zusammen, um im mexikanischen Revolutionskrieg mitzumischen. Ideologie spielt für die nach Aufregung und Profit gierenden Abenteurer keine Rolle: Sie sind ebenso willig, sich von Partisanen rund um Benito Juárez anheuern zu lassen wie von den Anhängern des Kaiser Maximilian I. – wer mehr Geld locker macht, bekommt den Zuschlag!
Und das ist Marquis Henri de Labordère (Cesar Romero), der den Kaiser vertritt und den Männern den Auftrag gibt, Gräfin Duvarre (Denise Darcel) mitsamt ihrer Kutsche nach Vera Cruz zu begleiten. Was der Marquis nicht verrät: In der Kutsche befindet sich Gold im Wert von drei Millionen Dollar, das die Gräfin zweckentfremden will. Und dann mischt sich noch die Taschendiebin Nina (Sarita Montiel) ein...
Eine raue Antwort auf eine harsche Zeit
Im Veröffentlichungsjahr von „Vera Cruz“ sorgte nicht nur der die Studios kontrollierende Hays Code für enge Moralregeln: 1954 fiel in die McCarthy-Ära, während der US-Senator Joseph McCarthy zur erbarmungslosen „Kommunistenhatz“ rief, der auch jene zum Opfer fielen, die sich für die Rechte von Arbeitnehmenden stark machten oder konservative Ansichten kritisierten. Und vehemente Kritik am Status quo in den USA führte in der Filmbranche rasch zu Berufsverbot.
Es ist ein filmhistorisches Wunder, dass es dem links-progressiven Robert Aldrich gelang, sich in diesem kulturellen Klima vom Regieassistenten zum Regisseur aufzuschwingen. Allein 1954 vereinte er in sogleich zwei Western soziale Werte mit gegen damalige Genrekonventionen verstoßender Inszenierung:
„Massai“ versteckt unter einer Western-Oberfläche ein nachdenkliches Drama, das den massiven Rassismus in den USA anklagt. Und „Vera Cruz“ nutzt eine schroffe Tonalität, um das typisch amerikanische Heldenbild zu zersetzen: So barsch, opportunistisch und schlichtweg gierig, wie in diesem Western-Meilenstein agiert wird, ging es im Mainstreamkino der 1950ern üblicherweise nicht zu – und dann waren Lancaster und Cooper obendrein auf die Rollen eines integren Saubermanns respektive charmant-freigeistigen Rüpels reserviert.
„Vera Cruz“ war damit ein ähnlicher Mittelfinger gen Publikumserwartung, wie später Sergio Leones Auftakt zum Spaghetti-Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“. Und das konsequent entgeisterte Bild, das Aldrichs an eindrucksvollen Originalschauplätzen gedrehter Western von der amerikanischen Gesellschaft zeichnet, zeugt von echtem Schneid: Der ebenfalls gesellschaftskritische und überaus spannende, aber weniger dreckig inszenierte „Zwölf Uhr mittags“ führte zuvor dazu, dass John Wayne Drehbuchautor Carl Foreman aus Hollywood pöbelte!
"Das Unamerikanischste, das ich in meinem ganzen Leben gesehen habe": John Wayne hasste diesen hochspannenden Western-KlassikerNeben einem mahnend-pessimistischen Gesellschaftsbild und einer fesselnden Story, in der ein vermeintlich einfaches Ziel durch immer mehr Streitparteien immer weiter in Ferne rückt, bietet „Vera Cruz“ kernige Action: Die Schießereien haben Wumms, die Verfolgungsjagden zu Pferde sind flott und eine Explosion hatte beim Dreh sogar so viel Wucht, dass Cooper von unerwartet weit fliegendem Schutt verletzt wurde.
Nebendarsteller Charles Bronson wiederum trat Jahre später in einem ebenfalls von „Vera Cruz“ inspirierten Western auf. Der hat sich zwar nicht von der Derbheit und dem Zynismus dieses Meilensteins beeinflussen lassen, sondern von seiner Grundidee käuflicher Helden. Trotzdem würden sie ein gutes Double Feature ergeben – und mehr über den Bronson-Western erfahrt ihr im folgenden Artikel:
Dieser Western-Meilenstein hat dieselbe Vorlage wie "Star Wars": Bald feiert er seine 4K-Premiere im Heimkino*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.