Da die Streaminganbieter stetig neue Filme, Serien und Dokus in ihre Kataloge aufnehmen, kann man schon mal den Durchblick im Streaming-Dschungel verlieren. Abhilfe schaffen unsere Film- und Serien-Tipps auf Netflix. Darunter finden sich Klassiker, in Vergessenheit geratene Filmperlen und persönliche Geheimfavoriten, die ihr mit gültigem Abo ohne Zusatzkosten schauen könnt.
Diesmal kommen vor allem Fans von Home-Invasion- und Found-Footage-Horror sowie mitreißender Musik-Dokus auf ihre Kosten. Und für alle Arthouse- und Western-Liebhaber haben wir ein ganz außergewöhnliches, poetisches Werk mit spiritueller Note ausgesucht.
"The Visit" (2015)
Keine 30 Jahre alt war Regisseur M. Night Shyamalan, als er 1999 mit dem Box-Office-Welterfolg (und sechsfach oscarnominierten) „The Sixth Sense“ seinen Durchbruch feierte. Seither erlebt der gebürtige Inder eine wechselhafte Karriere zwischen Kassenhits („Signs“, „Split“) und künstlerischen Totalausfällen („The Happening“). Eine von Shyamalans eigenwilligsten Arbeiten ist die minimalistische, aber extrem wirkungsvolle Horrorthriller-Komödie „The Visit“. Wer Nervenkitzel mit einer ordentlichen Portion Witz liebt, ist bei diesem – nach wie vor unterschätzten – Film definitiv richtig.
Der für nur fünf Millionen Dollar gedrehte „The Visit“ (Shyamalans bis heute „preiswertester“ Film) handelt von einem Geschwisterpaar, das eine Woche bei den Großeltern im ländlichen Pennsylvania verbringt. Zu Beginn finden Rebecca (Olivia DeJonge) und Tyler (Ed Oxenbould) noch Gefallen an dem riesigen Anwesen und dem Farmhaus, in dem es viel zu entdecken gibt. Doch je länger ihr Aufenthalt dauert, desto seltsamer wird das Verhalten ihrer Großeltern. Welches Geheimnis verbergen sie?
„The Visit“ ist im Found-Footage-Stil konzipiert, d.h. wir sehen die Geschehnisse in Form des Filmmaterials, das Rebecca und Tyler mit ihrer Kamera selbst aufgenommen haben. Dadurch erhält der Film eine dokumentarische Note – und erlaubt einige wahrlich treffsichere, deftige Jump-Scares. Das Beste am Film aber ist sein schräger (Meta-) Humor. Shyamalan nimmt den Film mit seinem doch recht unglaubwürdigen Handlungsverlauf nicht wirklich ernst. Die Folge: Etliche ins Groteske und Schräge abdriftende Szenen, die man so schnell nicht vergisst. Unser Chefkritiker Christoph Petersen vergab in seiner FILMSTARTS-Kritik gute 3,5 Sterne und kam zu dem Fazit: „Die Schockeffekte sitzen, der Humor ist schön schwarz und einen Twist Marke Shyamalan gibt’s auch.“
"Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" (2007)
Der Neuseeländer Andrew Dominik inszenierte in seiner Karriere einige beachtliche, von der Kritik hochgelobte Filme unterschiedlicher Genres, von denen einige auch von uns mit der hervorragenden Wertung von 4,5 Sternen bedacht wurden („Blond“, „Killing Them Softly“). Was all seine Werke auszeichnet: die psychologische Tiefe. Das trifft gleichsam auf sein vielschichtiges Western-Drama „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ zu.
Im Mittelpunkt steht mit Jesse James (Brad Pitt) einer der legendärsten Bankräuber des Wilden Westens. Von weiten Teilen der – armen – Bevölkerung als eine Art Robin Hood gefeiert, wurde James zu einem der ersten „Medienstars“ der USA. Etliche Bücher und Zeitungsartikel verklärten die verbrecherischen Taten von James und seiner Gang, doch trugen sie maßgeblich zur Legendenbildung bei. Der 19-jährige Robert (Casey Affleck) zählt ebenfalls zu den James-Verehrern. Doch bald muss er erkennen, dass der wahre Jesse James wenig mit dem glorifizierten Mythos zu tun hat.
Vom ungelenken Filmtitel (er zählt zu den längsten im Hollywood-Mainstream-Kino der 00er-Jahre) sollte man sich nicht abschrecken lassen. Dominik hat mit „Die Ermordung…“ eine vielschichtige, großartig gespielte Charakterstudie geschaffen, die fast 20 Jahre nach ihrer Entstehung eine Wiederentdeckung lohnt. Der Mix aus Arthouse-Western, Biopic und Drama ist entschleunigt und besticht durch seinen meditativen, elegischen Touch – der an die Filme eines Terrence Malick erinnert („The Tree Of Life“). Beim Publikum kommt diese mutige Genre-Mischung an: Mit einer Zuschauerwertung von 7,5 auf IMDb zählt „Die Ermordung…“ dort zu den bestbewerteten Western der 2000er.
"Avicii - Ich heiße Tim" (2024)
Gute Musikdokumentationen wecken Emotionen und bieten unbekannte Einblicke. Auf Netflix finden sich immer wieder solch spannende Dokus (aktuell z. B. die dreiteilige Netflix-Dokuserie „Take That“), die sich mit einflussreichen Musikern befassen. Eine absolute Empfehlung ist auch „Avicii - Ich heiße Tim“, die das – viel zu kurze – Leben und Werk des begnadeten DJs und Musikproduzenten Tim Bergling, der als Avicii weltberühmt wurde, behandelt.
Mit großer Akribie und Genauigkeit zeichnet der Schwede Henrik Burman alle Karrierephasen von Avicii nach und lässt die Privatperson Bergling ausführlich auch selbst zu Wort kommen. Die Live-Aufnahmen und Konzertszenen sind elektrisierend und mitreißend, doch Burman rückt noch etwas viel Wichtigeres ins Zentrum. Er thematisiert mit „Avicii – Ich heiße Tim“ ebenso die unnachgiebige, auf Umsatzzahlen und Verkäufe schielende Musikindustrie sowie den Erfolgsdruck, der auf jungen Künstlern lastet. Für Avicii war die Last zu groß, das tragische Ende ist bekannt (Bergling nahm sich 2018 mit 28 Jahren das Leben).
Die Doku, in der zahlreiche Weggefährten wie David Guetta, Chris Martin (Coldplay) oder Aloe Blacc zu Wort kommen, zeigt einen hochtalentierten Musiker, der die EDM-Szene der 2010er so stark geprägt hat wie niemand sonst. Einen Mann, der gleichzeitig durchzogen war von Selbstzweifeln und einem tief sitzenden Gefühl von Einsamkeit. Davon zeugen die vielen Backstage-Impressionen und Privataufnahmen. „Avicii – Ich heiße Tim“ berührt, ist intim und lenkt den Fokus auf den Menschen hinter den Plattentellern.
Neben Musik-Biografien und Künstler-Porträts erfreuen sich Natur-, Geschichts- und Tier-Dokus großer Beliebtheit. Wer mit letztgenannten Dokumentationen etwas anfangen kann, der sollte einen Blick in eine seit kurzem im Netflix-Portfolio befindliche, vierteilige Doku-Serie wagen. Ein Must-See für Dino-Fans, an der einer der größten Filmemacher aller Zeiten entscheidend beteiligt war:
Heute bringt "Jurassic Park"-Macher Steven Spielberg auf Netflix die Dinos zurück