Abenteuerfilm im "Fluch der Karibik"-Stil: Klassiker von kontroverser Regielegende neu im Heimkino
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Hisst die Flaggen und trinkt aus Piraten, Yo-Ho: Sidney liebt das „Pirates Of The Caribbean“-Franchise! Dabei wird er nicht müde, Leute daran zu erinnern, dass die Welt von „Fluch der Karibik“ mehr zu bieten hat als ihren kultig-torkelnden Publikumsliebling.

Im deutschen Kino lief er nur massiv gestutzt, auch auf VHS erschien er hierzulande bloß mit Kürzungen. Mittlerweile ist Roman Polańskis Abenteuerfilm „Piraten“ in voller Länge verfügbar – jetzt erstmals auf Blu-ray!

Obwohl Hauptdarsteller Walter Matthau hierzulande über eine große Fanbase verfügt, hatte es „Piraten“ in Deutschland schwer: Der im Original rund zwei Stunden lange Abenteuerfilm kam bloß in einer auf weniger als 100 Minuten gestutzten Fassung auf die Leinwände. Auch auf Videokassette und bei der DVD-Erstauflage wurde nur eine gekürzte Version ausgewertet.

Erst 2022 gelangte der vom umstrittenen „Chinatown“-Regisseur Roman Polański inszenierte, für den Kostüm-Oscar nominierte Kassenflop in voller Länge in die deutschen Regale – damals allein auf DVD! Nun sorgte das Label Pidax für ein Upgrade: Diese Woche feierte „Piraten“ Blu-ray-Premiere im deutschen Heimkino!

Darum geht es in "Piraten"

Er sieht aus wie eine Piraten-Blaupause: Käpt'n Red (Walter Matthau) hat ein Holzbein, einen exzentrischen Modesinn, einen buschigen Bart und eine Vorliebe für (erplünderten) Goldschmuck. Seine Vita ist jedoch kläglich: Vier Jahre saß er mit dem jungen Franzosen Jean-Baptiste (Cris Campion) auf einer einsamen Insel in der Karibik fest!

Als dem Duo die Flucht via Floß gelingt, scheint es nicht nur den Wind im Nacken zu haben, sondern obendrein Fortunas Gunst: Schon bald werden sie von einer spanischen Galeone gerettet, auf der Red prompt eine Meuterei anzettelt. Jetzt befehligt er wieder ein Schiff und sieht sich auf der Sonnenseite des Piratenlebens. Aber während eines Festgelages heckt der Spanier Don Alfonso (Damien Thomas) einen Plan aus, um sich an die Spitze der Befehlskette zu setzten...

Polańskis Disneyland-Hommage

Ein selbstverliebter, lediglich sporadisch von Fortuna geküsster Pirat und ständiges Ringen um den Kapitänstitel: Regisseur/Autor Polański und Autor Gérard Brach („Der Name der Rose“) setzten schon 1986 auf ein paar Erfolgszutaten der „Fluch der Karibik“-Saga. Das gilt nicht nur erzählerisch, sondern auch tonal: Polański schwebte ein Abenteuerfilm vor, der die Essenz klassischer Piratenfilme wieder aufleben lässt, sie aber durch absurden Humor neu aufbereitet.

Das war auch Ziel des „Fluch der Karibik“-Regisseurs Gore Verbinski. Angesichts der gemeinsamen Inspirationsquelle ist dies kein Zufall: Verbinski inszenierte mit dem Johnny-Depp-Blockbuster eine offizielle Adaption der Disneyland-Bahn „Pirates Of The Caribbean“, Polański intendierte „Piraten“ als inoffizielle Hommage an das von ihm geliebte Fahrgeschäft. In der Dokumentation „Fellini dreht 'Satyricon'“ wird sogar auf Film festgehalten, wie Polański und seine Gattin Sharon Tate dem Meisterregisseur Federico Fellini von „Pirates Of The Caribbean“ vorschwärmen!

Um seiner Liebe für die Disneyland-Bahn Ausdruck zu verleihen, scheute Polański keine Kosten: Extra für „Piraten“ wurde eine Galeone in der Ästhetik des 17. Jahrhunderts errichtet – im Originalmaßstab und mit 70 Kanonen! Zu Promozwecken ankerte das Schiff, dessen Bau ein Jahr in Anspruch nahm, 1986 während der Filmfestspiele in Cannes. Dort verblieb es für 16 Jahre. Erst danach fand man neuen Nutzen für die „Neptune“: Sie fuhr nach Genua in Italien, wo sie als schwimmendes Museum dienen sollte. Zudem trat sie als Käpt'n Hooks Schiff in der Miniserie „Neverland“ in Erscheinung.

Hohe Kosten, wenig Gegenliebe

Der Schiffsbau soll ein Viertel des auf 30 bis 40 Millionen Dollar geschätzten „Piraten“-Budgets verschlungen haben. Auch die detaillierten Kostüme beanspruchten eine hohe Summe – ebenso wie die unvorhergesehenen Strapazen des Drehs: Die Crew hatte mit katastrophalem Wetter und zahlreichen Unfällen zu kämpfen.

Ursprünglich sah Polański auch nicht Matthau für die Hauptrolle vor, sondern seinen „Chinatown“-Star Jack Nickolson. Das war jedoch, als „Piraten“ noch als unmittelbares Nachfolgeprojekt auf den 1974 vollendeten Thriller-Klassiker angedacht war. Dann kam aber der spontan in Angriff genommene Psychohorror „Der Mieter“ dazwischen. Anschließend musste Polański seine Pläne für einen exzessiven Abenteuerfilm aufgeben, da er der Vergewaltigung der minderjährigen Darstellerin Samantha Geimer angeklagt wurde und ihm daraufhin die Finanziers abgesprungen sind.

Als es ihm Jahre später doch gelang, das Budget zusammenzukratzen, sprang kein Hit heraus: Weltweit nahm „Piraten“ nur zirka 6,3 Millionen Dollar ein. Zudem fiel das Presseecho harsch aus: Dröge choreografierte Action und ein von Leerlauf geplagter Erzählfluss riefen kaum Begeisterung hervor.

Experimentierfreudige „Fluch der Karibik“-Fans, die sich vom Regisseur nicht abschrecken lassen, werden zumindest durch die Parallelen zum Disney-Blockbuster ihren Reiz an „Piraten“ finden: Die Abenteuerkomödie zeigt, wie Teile von „Fluch der Karibik“ Gestalt annehmen, wenn man sie mit anderer Haltung umsetzt. Filmfans, die mehr von ihren imposanten Abenteuerspektakeln auf hoher See erwarten, sollten derweil diesem Heimkino-Tipp folgen:

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