Früher verhasst, heute abgekultet: Irres Fantasy-Abenteuer mit Michael Jackson jetzt neu im Heimkino
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Ob Showtunes im Broadway-Stil, zuckersüße Teenie-Pop-Revue oder bluttriefende Rock-Party: Sidney hat eine Schwäche für Musicals, die ihn bereits durch allerlei cineastische Höhen und Tiefen geführt hat.

Groteske Kostüme, Michael Jackson als lernwilliger Naivling sowie ein sonderbarer Clash aus karger Betonklotzästhetik und funkelnden Discolichtern: „The Wiz“ macht aus „Der Zauberer von Oz“ ein New-York-Fantasymusical, das seinesgleichen sucht.

In wenigen Wochen wird das Fantasymusical „Wicked“ fortgeführt. Und wenn ihr euch die verbleibende Wartezeit auf „Wicked: Teil 2“ mit einem anderen, musikalischen Fantasy-Pomp verkürzen wollt, könnt ihr euch glücklich schätzen.

Denn ein weiteres Filmmusical, das sich auf „Der Zauberer von Oz“ bezieht, feiert seine Rückkehr ins deutsche Heimkino:The Wiz – Das zauberhafte Land“ mit den Superstars Diana Ross und Michael Jackson hat diese Woche eine Blu-ray-Neuauflage erhalten!

Filmfans, die sich die als limitiertes 3-Disc-Mediabook* erfolgte Blu-ray-Premiere der Motown-Produktion nicht sichern konnten, bekommen nun also eine Alternative geboten. Bonusmaterial hat die neue Edition allerdings nicht zu bieten – das Mediabook kam noch mit einem Audiokommentar und einem Booklet daher.

"The Wiz": "Der Zauberer von Oz" mit Motown!

Die Kinoversion von „The Wiz“ hatte einen steinigen Weg zu meistern: Nachdem das gleichnamige Bühnenmusical, das die „Zauberer von Oz“-Geschichte mit einem afroamerikanischen Ensemble und Songs voller Funk und Soul erzählt, 1974 erst Baltimore und 1975 den Broadway eroberte, war eine Leinwandadaption rasch abgemachte Sache. Allerdings klinkte sich Motown-Star Diana Ross früh in den Entstehungsprozess ein – mit enormen kreativen Folgen:

Sie bettelte Plattenboss Berry Gordy an, ihr die Hauptrolle zu geben. Gordy wollte jedoch Broadway-Darstellerin und R&B-Sängerin Stephanie Mills für den Part. Daraufhin holte Ross hinter Gordys Rücken Universal Pictures und Produzent Rob Cohen ins Boot – unter der Bedingung, dass sie die Hauptrolle bekommt. Die Idee einer Umsetzung, die eng am „The Wiz“-Stück in seiner damaligen Ausrichtung haftet, war somit gestorben:

Hinter den Kulissen konnte sich niemand die damals 33 Jahre alte Ross als 14-jähriges Bauernmädchen aus Kansas vorstellen – am wenigsten der ursprünglich vorgesehene Regisseur John Badham. Nachdem er hinschmiss, kam „Die 12 Geschworenen“-Regisseur Sidney Lumet ins Spiel. Der zumeist eine realistische Bildsprache wählende Filmemacher sehnte sich nach der Gelegenheit, seine exzentrische Seite auszuleben und trotzdem seinem Hang für soziale Themen treu zu bleiben.

Motown trifft Lumets Gesellschaftskommentar

Lumet und Joel Schumacher, der aus neuen Impulsen und der Vorlage ein Drehbuch formen sollte, entschieden sich nach ausführlichen Gesprächen mit Ross, ihre Figur der Dorothy als 24-Jährige neu zu erfinden, deren Familie sich in ihr Berufsleben einmischt, sonst aber ein eher behütetes Leben führt. Allerdings geht dies damit einher, dass sie sich dagegen sträubt, den südlichen Teil ihrer Heimat zu betreten und den Umständen ins Auge zu blicken, in denen viele ihrer schwarzen Mitmenschen aufgrund struktureller und gesellschaftlicher Benachteiligung leben.

Das bekommt sie bei ihrer Reise nach Oz vorgeführt: Dort wird die von Michael Jackson gespielte Vogelscheuche von einem feindseligen Umfeld daran gehindert, ihren Wissensdrang zu stillen. Dem Blechmann wird durch unstete Jobs das Finden einer wahren, herzlichen Heimat verwehrt. Und dem Löwen wird jegliches Selbstwertgefühl genommen, ebenso wie der Schneid, für sich einzustehen.

Vom Flop zum Funk-Kultfilm

Ein Regisseur, der bewusst gegen seinen Stil ankämpft, und eine Motown-Ikone als neu erfundene Dorothy in der rau-urbanen Neuinterpretation eines dank des Judy-Garland-Filmklassikers sonst ländlich-optimistisch in Erinnerung behaltenen Fantasystoffs: Dieser Ansatz traf gegen Ende des Blaxploitation-Booms auf wenig Gegenliebe. „The Wiz“ nahm, begleitet von kopfschüttelnden Kritiken, im Kino nicht einmal sein Budget von 24 Millionen Dollar ein!

Auch Komponist, Arrangeur und Hitproduzent Quincy Jones äußerte sich kritisch. Er betonte, den Film lediglich als Gefallen für Lumet gemacht zu haben. Gelohnt hat sich das Projekt für Jones dennoch: Durch die „Oz“-Neuinterpretation lernte er Michael Jackson kennen, dessen Arbeitsethos ihm imponierte. Daher bot Jones dem späteren „King of Pop“ an, sein Solomaterial zu produzieren, woraufhin die Hitalben „Off The Wall“*, „Thriller“* und „Bad“* entstanden!

Das filmische Aufeinanderprallen aus Neonlichtern, schrillen Kostümen, den dreckigsten 1970er-Schattenseiten New Yorks, generationsübergreifendem Leid der schwarzen US-Bevölkerung und der im Disco-Funk-Rhythmus herbei marschierenden Hoffnung auf ein neues, schöneres Morgen hat sich seither allerdings zum Kultklassiker gemausert: Fans von Quincy, Jackson und Ross blicken vermehrt mit Bewunderung auf dieses Kuriosum zurück, ebenso wie Musikfans mit Motown-Nostalgie und „Oz“-Begeisterte, die sich über eigenwillige Auseinandersetzungen mit der von L. Frank Baum erdachten Zauberwelt freuen.

Noch mehr Musikkult findet ihr darüber hinaus im folgenden Heimkino-Tipp:

Einer der größten Kultfilme aller Zeiten feiert 4K-Premiere im Heimkino: Er steht im Guinness-Buch der Rekorde!

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