Es ist ein trauriger Anlass: Brigitte Bardot ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Der TV-Sender Arte ehrt die Kino-Legende – und zeigt ihren für viele vielleicht besten Film online. Als Hommage an Bardot gibt es jetzt nämlich gleich zwei Werke mit der legendären Schauspielerin in der Mediathek des Senders. Neben „Rum-Boulevard“ ist dies Jean-Luc Godards „Die Verachtung“, den wir euch hier ausführlich vorstellen wollen. Davor noch der Hinweis: Auch im TV zeigt arte einen Bardot-Film. Mehr dazu gibt es im folgenden Artikel:
Kurzfristige Programmänderung: Heute Abend läuft ein FSK-18-Kino-Hit mit über 3 Millionen Besuchern ungekürzt im TV„Die Verachtung“ gilt zurecht als Meisterwerk der Filmgeschichte. Jean-Luc Godard macht eine Meta-Abrechnung mit dem Kino, für welche er auch Brigitte Bardots Starimage nutzt, um es radikal zu brechen.
Die Sittenwächter hatten damals ihre Probleme damit. Aufgrund freizügigen Darstellungen und der direkten Sprache galt „Die Verachtung“ als moralisch gefährdend. Mehrere Kürzungen waren die Folge – und danach gab es trotzdem immer noch eine Freigabe ab 18 Jahren. Mittlerweile ist die ungekürzte Fassung, wie sie auch in der arte-Mediathek zu streamen ist, ab 6 (!) Jahren freigegeben.
Darum geht es in "Die Verachtung"
Im Zentrum steht der Drehbuchautor Paul Javal (Michel Piccoli). Was heute gerade Christopher Nolan macht, ist auch in diesem Film sein Plan: eine Adaption der „Odyssee“. Er kommt aber mehr aus der Not, als aus Begeisterung zu dem Projekt. Aus finanziellen Gründen nimmt er den Auftrag des amerikanischen Produzenten Jeremy Prokosch (Jack Palance) an, das unter der Regie von Fritz Lang (die deutsche Regie-Legende spielt sich selbst) strauchelnde Projekt wieder auf Kurs zu bringen.
Doch bei einer Besprechung in Jeremys Villa zeigt der schwerreiche Amerikaner bald mehr Interesse an Pauls Ehefrau Camille (Brigitte Bardot) als an dem Projekt. Weil ihr Mann sich dagegen nicht wirklich wehrt, bekommt Camille schnell den Eindruck, dass dieser sie für seine Karriere benutzen will und fängt an, sich von ihm emotional zu distanzieren. Was folgt, ist kein klassisches Ehedrama, sondern eine präzise Beobachtung davon, wie Missverständnisse, verletzter Stolz und ökonomische Abhängigkeiten Beziehungen zerstören können.
Godard macht einen Film gegen das Kino
Jean-Luc Godard nutzt die Geschichte bewusst als Meta-Erzählung. Während im Film an einer „Odyssee“-Adaption gearbeitet wird, reflektiert „Die Verachtung“ selbst die Bedingungen des Filmemachens: Kunst gegen Kommerz, Regie gegen Produktion, europäisches Autorenkino gegen amerikanische Produktionslogik. Selten wurde das Filmschaffen als so triste Angelegenheit gezeigt, wie schon hier im Auftakt.
Immer wieder gibt es zudem Seitenhiebe, die nochmal eine ganz andere Meta-Ebene erreichen, wenn man ein wenig über die Hintergrundgeschichte dieses Films selbst weiß. Denn auch rund um „Die Verachtung“ gab es Streit zwischen Godard und seinem (übrigens ebenfalls amerikanischen) Produzent Joseph E. Levine. Letzterer bestand darauf, dass der Regisseur das CinemaScope-Breitbildverfahren nutzt, was er gerade in seiner Kino-Abrechnung vermeiden wollte. Sie setzten sich durch – und Godard reagierte auf seine eigene Weise. Sein Film-im-Film-Regisseur Fritz Lang lästert ausführlich über das Format.
Nacktszene mit Brigitte Bardot: ein Mittelfinger an den Produzenten!
arte zeigt den Film heute natürlich anlässlich des Todes von Brigitte Bardot, weswegen wir ein paar Worte über sie verlieren müssen – wobei wir es natürlich wollen, denn gerade ihre Rolle ist besonders faszinierend. Bardot war das Sexsymbol ihrer Zeit, bekannt für Figuren, die pure Erotik verströmten und Männer um den Finger wickelten. Sie war die vielleicht meistfotografierte Frau ihrer Ära, verhalf dem Bikini zu Bekanntheit und Verbreitung.
Doch entgegen dieser Persona spielt sie Camille zurückhaltend, verletzlich und innerlich verschlossen – und auch hier macht sie gemeinsam mit Godard „Die Verachtung“ zu einer Meta-Erzählung. Produzent Levine verlangte von Godard, eine Nacktszene mit Bardot einzubauen, wogegen der sich erst sträubte, dann aber klein beigeben musste. Gemeinsam mit Bardot entwickelte er eine Szene, die mein Kollege Sidney Schering in seinem Heimkino-Text so perfekt beschreibt, dass ich ihn hier einfach nur zitieren will:
„In der Szene liegt Bardot bäuchlings auf einem Bett und quält ihren Filmgatten mit monotonen Fragen, wie attraktiv er denn ihren Körper fände. Der Sequenz geht jegliche Erotik abhanden, außerdem hebt sie sich als ungewollter Fremdkörper bildsprachlich vom Rest des Films ab. Mehr noch: Selbst innerhalb dieser Sequenz, die während eines Reshoots entstand, ist die Farbästhetik uneinheitlich, womit Godard die Aufmerksamkeit des Publikums von der sich darbietenden, durch Paul wenig gewürdigten Camille ablenkt. Diese Passage ist sozusagen ein inszenatorischer Mittelfinger an Levine und nimmt zugleich die holpernde Dynamik zwischen den Ehelauten vorweg, um die sich der Stoff dreht.“
StudioCanal
Godard setzt ohnehin immer wieder den Körper und die Schönheit von Bardot zwar bewusst ein – aber nie, um ihn nur als Bewunderungsobjekt für den männlichen Blick darzubieten. Vielmehr wird Bardot so zum Spiegel männlicher Projektionen, Erwartungen und Enttäuschungen.
Das passt perfekt zu dem, was „Die Verachtung“ zum Meisterwerk macht. Denn auch wenn Godard mit dem Kino abrechnet, ist sein Film am Ende ganz großes Kino: visuell überwältigend mit ikonischen Bildern, dazu ein sensationeller Score und eine intellektuelle Schärfe, die man nur selten sieht. Dazu kommt ein fesselndes Drama um Beziehungen, Macht, Geld – und um die Frage, was wir bereit sind aufzugeben, um Erfolg zu haben.
Nachfolgend findet ihr auch noch unsere Nachricht zum Tod der Schauspielerin mit einem Rückblick auf ihre Karriere:
Leinwand-Legende und weit mehr als eines der größten Sexsymbole des Kinos: Brigitte Bardot ist tot