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    Midnight In Paris
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Midnight In Paris
    Von Carsten Baumgardt
    Superhelden-Filme sind in Hollywood en vogue. Vor allem auf dem US-amerikanischen Markt lässt sich damit im Optimalfall viel, viel Geld verdienen, wie „Iron Man", „Spider-Man" und ihre Kollegen eindrucksvoll untermauern. Auf den kommenden Mash-up „The Avengers" freuen sich ganze Generationen von Comicfilm-Fans, aber zuerst tritt ein Regisseur in dieser Sparte an, von dem dies kein Kinogänger auch nur ansatzweise vermutet hätte: Woody Allen. In seiner romantischen Komödie „Midnight In Paris", mit der er die 64. Filmfestspiele von Cannes eröffnete, widmet sich der legendäre New Yorker Kult-Regisseur natürlich nicht den Superhelden nach moderner Definition, sondern seinen eigenen überlebensgroßen Idolen, die da heißen Ernest Hemingway, Pablo Picasso, F. Scott Fitzgerald und Cole Porter. Allen verbindet die Gegenwart und die von ihm so bewunderte Goldene Ära der Zwanzigerjahre durch eine originelle Zeitreise-Idee und macht „Midnight In Paris" so zu einem ungemein charmanten Werk, in dem der beißende Zynismus seiner vorangegangenen Filme über weite Strecken einer entwaffnenden Naivität weicht.

    Gil Pender (Owen Wilson) - ein Hollywood-Drehbuchschreiber, der davon träumt, seinen ersten, literarisch ambitionierten Roman zu veröffentlichen - und seine Verlobte Inez (Rachel McAdams) verbringen den Urlaub in Paris. Das Paar trifft dort auf den alten gemeinsamen Freund Paul (Michael Sheen), einen gockelhaften Intellektuellen, der Gil in Grund und Boden redet, während Inez an seinen Lippen hängt. Gil fühlt sich unterdrückt und eingeengt, seinen Wunsch, nach Paris umzuziehen und dort zu leben, tut Inez als Phantasterei ab und lässt ihren zukünftigen Mann als naiven Träumer dastehen – was er, wie sich bald herausstellt, auch tatsächlich ist. Eines Nachts steigt er in ein altertümliches Taxi, das ihn in ein fremdes Universum katapultiert: in eine Welt, in der Ernest Hemingway (Corey Stoll) machohafte Reden schwingt, Pablo Picasso (Marcial Di Fonzo Bo) von der Kulturkritikerin Gertrude Stein (Kathy Bates) kleingemacht und Scott Fitzgerald (Tom Hiddleston) von seiner Frau Zelda (Alison Pill) in Frage gestellt wird. Dazu schwadroniert Salvador Dali (Adrien Brody) über Rhinozerosse, während Luis Bunuel (Adrien de Van) noch gar nicht weiß, wie man Filme dreht - aber Gil hat schon die Ideen dafür. Jede Nacht bricht der nun in diese für ihn reale Phantasie aus und verliebt sich in die Picasso-Muse Adriana (Marion Cotillard). Natürlich glaubt ihm Inez nicht, als er von seinen Abenteuern mit seinen Helden der Kulturgeschichte erzählt...

    Für seinen 42. Kinofilm setzte Woody Allen seine Europa-Tour fort. Nach vier Mal London („Match Point", „Scoop", „Cassandras Traum (Cassandra's Dream)", „Ich sehe den Mann Deiner Träume") und einmal Barcelona („Vicky Cristina Barcelona") drehte der Regisseur diesmal in einer weiteren europäischen Metropole: in Paris, der französischen Hauptstadt, die mit Venedig um die Reputation als romantischste Stadt der Welt wetteifert. Nach dem Trailer, in dem sich die plattesten aller Paris-Klischees zusammengeschnitten fanden, spitzen einige einheimische Kritiker schon die Stifte für einen gepfefferten Verriss, aber Allen lässt gleich in den ersten Bildern, in denen er zu typischen Jazzklängen ein Postkartenmotiv an das nächste reiht, keinen Zweifel: Ihm geht es natürlich nicht um eine schnöde, gleichsam dokumentarische Realität, sondern er filmt seine ganz eigene Welt und seinen eigenen Traum von Paris. Allen selbst bekannte bei der Pressekonferenz in Cannes: Er zeige immer das New York, das Paris oder das London, das er aus den Filmen, mit denen er aufgewachsen ist, kennt und liebt. Dazu gehört in „Midnight In Paris" auch, dass er mehr als die Hälfte seiner Handlung in die Zwanzigerjahre verlegt und sich natürlich überhaupt nicht um irgendwelche Plausibilitäten kümmert – wie in den Superheldenfilmen eben. Und gerade wegen dieser so persönlichen Sicht auf die Metropole ist Allens Nostalgietrip auch eine geradezu zärtliche Liebeserklärung an die französische Hauptstadt.

    Dem von Allen vorgegeben leichten Ton, folgen seine Darsteller bereitwillig. Owen Wilson („Die Royal Tenenbaums") wirkt als naiver Tor Gil Pender absolut natürlich, sein Träumer ist der Sympathieträger – womit Rachel McAdams („Sherlock Holmes") als seiner dominanten und verständnislosen Verlobten die Bösewichtrolle zukommt, die sie mit sichtlicher Freude ausfüllt. Aber nicht nur die beiden Protagonisten glänzen, auch vielen der Nebendarsteller gelingt es, die eine oder andere Szene zu „stehlen": etwa Corey Stoll („Lucky Number Slevin"), der seinen wollüstigen Ernest Hemingway exakt zwischen Hommage und Karikatur ansiedelt. Oder Michael Sheen („Tron: Legacy"), der seine Szenen als aalglatter, gönnerhafter Über-Intellektueller im Realteil des Films dominiert. Er ist herrlich schmierig und arrogant - und dabei ausgesprochen lustig. Adrien Brody („Der Pianist") geht noch einen Schritt weiter und macht aus Salvador Dali in seinem kurzen Auftritt einen albernen Possenreißer. Auch hier ist der Spaßfaktor enorm.

    Neben dem Culture-Clash der besonderen Art lebt „Midnight In Paris" von den scharfzüngigen Dialogen, in denen auch Spitzen gegen Gegenwartsphänomene wie die rechtskonservative Tea-Party-Bewegung in den USA nicht fehlen dürfen. Allens Gleichung: Wer die Tea Party nicht versteht, ist ein Kommunist! Solche ironischen Statements sorgen immer wieder für Heiterkeit. Daneben übt der Filmemacher ganz nebenbei offene Kritik am oberflächlichen Kulturtourismus und an der Arroganz intellektueller Blender. Wie üblich und zuletzt in „Scoop" gezeigt, inszeniert Woody Allen seine absurde Prämisse mit Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Seinen zutiefst romantischen Reigen lässt er von Kameramann Darius Khondji („Sieben", „My Blueberry Nights") in warme Braun-, Rot- und Gelb-Töne hüllen, die keinen Zweifel daran lassen, dass hier ein idealisiertes Paris zu sehen ist. Allens Fans werden dem Altmeister bereitwillig auf dem Trip in seine Version einer besseren Welt folgen, denn bis auf einen kleinen Durchhänger nach der Exposition und der Etablierung der zwei Erzählebenen ist die Reise äußerst kurzweilig und jederzeit amüsant.

    Fazit: Willkommen auf dem Holodeck – Woody Allen lässt das Hier und Jetzt mit der nostalgischen Vision eines Goldenen Zeitalters verschmelzen und schwelgt in der romantischen Vorstellung von Kunst als höchstem Gut. Einen Seitenhieb auf heutige Verhältnisse kann sich der Altmeister dabei nicht verkneifen: Früher war alles besser. Dieses kulturpessimistische Credo vertraten allerdings auch schon seine (Super-)Helden der Zwanziger...
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