B-Movie-Produzent Roger Corman, Horror-Ikone Boris Karloff und fiktives Grauen, das auf erschütternd-reale Schrecken trifft: Mit „Bewegliche Ziele“ absolvierte der gefeierte Regisseur Peter Bogdanovich ein unter die Haut gehendes Debüt, das zur falschen Zeit aufschlug. 1968 kurz nach den Ermordungen von Martin Luther King Jr. und Robert F. Kennedy in die Kinos entlassen, stieß der Hybrid aus Massenmord-Thriller, Psycho-Krimi und blankem Horror in den USA auf Ablehnung.
Dennoch fand dieses verstörende Erstlingswerk über die Jahrzehnte hinweg sein Publikum. Zu seiner Fangemeinde zählt Quentin Tarantino, dessen „Once Upon A Time In Hollywood“ Parallelen zum Schocker aufweist. Diese Woche feierte „Bewegliche Ziele“ seine deutsche Blu-ray-Premiere als Mediabook von OFDb Filmworks. Parallel dazu erschien ein wattiertes Mediabook. Ihr findet beide Editionen auch in weiteren Onlineshops, etwa bei JPC:
Das Standard-Mediabook ist auf 750 Exemplare limitiert, von der wattierten Edition existieren 250 Stück. Auf den Discs befinden sich ein Audiokommentar von Bogdanovich, ein weiterer Audiokommentar von Prof. Dr. Marcus Stiglegger sowie Stefan Jung und eine Featurette. Auf der Blu-ray liegt zudem eine Retro-Fassung mit anderer Farbgebung vor.
Webedia GmbH / Sidney Schering
Darüber hinaus umfassen die Mediabooks ein 24-seitiges Booklet. Neben schmucken Produktionsfotos und Szenenbildern findet sich darin ein lesenswerter Hintergrundtext von Stefan Jung, der die Entstehung des Films beleuchtet und erläutert, was „Bewegliche Ziele“ zu einem derart packenden, lang nachhallenden Film macht. Für Fans des rebellischen Hollywood-Kinos der späten 1960er und/oder Regielegende Bogdanovich ist diese Veröffentlichung ein echtes Schmuckstück!
Darum geht es in "Bewegliche Ziele"
Horrorfilmstar Byron Orlok (Boris Karloff) beklagt, dass seine früheren Glanzwerke nur noch als Edelkitsch gelten und seine neuen Filme kaum was taugen. Also kündigt er seinen Ruhestand an, sehr zum Frust des jungen Filmemachers Sammy (Peter Bogdanovich), der ihm ein Drehbuch auf den Leib geschrieben hat.
Während sich Orlok auf den letzten Termin seiner Karriere vorbereitet, vergrößert Bobby Thompson (Tim O'Kelly) seine umfangreiche Sammlung an Schusswaffen. Der wortkarge Mann, der mit seiner Frau und seinen Eltern in einem beschaulichen Vorort lebt, ist nicht sonderlich auffällig. Abgesehen davon, dass er seiner Frau beichtet, „besorgniserregende Gedanken“ zu haben. Aber was könnte Bobby schon anstellen..?
Karrierestart im Kreativkorsett...
„Bewegliche Ziele“ ist ein Film, bei dem es einem Wunder gleicht, dass er kohärent, aussagekräftig und packend geraten ist: Bogdanovich war bloß kurze Zeit für den pfennigfuchsenden Produzenten Corman als Assistent tätig, da kam der „Der rasende Teufel“-Macher mit dem Angebot auf ihn zu, sein Regiedebüt zu produzieren!
Corman knüpfte dies an mehrere Bedingungen: „Frankenstein“-Mime Boris Karloff sollte eine zentrale Rolle spielen – obwohl er bloß für zwei Drehtage zur Verfügung stand. Außerdem musste Bogdanovich etwa 20 Minuten aus Cormans „The Terror – Schloss des Schreckens“ verwenden. Und die Kosten durften nicht die mickrige Summe von 125.000 Dollar übersteigen. Ein desaströser Rahmen, selbst ungeachtet dessen, dass Bogdanovich für „The Terror“ nur Verachtung übrig hatte!
Doch er und seine als Schreibpartnerin/Produktionsdesignerin tätige Frau Polly Platt nahmen die Herausforderung an. Gemeinsam entwickelten sie die Erzählung zweier zunächst separater Handlungen über entgegengesetzte Vorstellungen von Angst und Schrecken, die zu einem beklemmenden, bedeutungsschweren und blutigen Finale zusammenlaufen – und das auf Platts Wunsch hin in einem Autokino.
Der mit dem Paar befreundete „Vierzig Gewehre“-Regisseur Samuel Fuller gab in einer knapp dreistündigen Feedbacksession einige Ratschläge bezüglich der Handlung und einen überaus wertvollen Tipp hinsichtlich der Inszenierung: Bogdanovich sollte beim Großteil des Films knausern, um im Schlussakt in die Vollen zu gehen.
...führt zum rauen Geniestreich über realistische Grauen
Entstanden ist ein Genre-Meilenstein, der ebenso zum Nachdenken anregt wie er Gänsehaut pur erzeugt: Der Orlok-Handlungsbogen ist ein durch empathische Komik und gesunde Selbstironie aufgelockerter, sentimentaler Tribut an einen fähigen Schauspieler, der das Problem hat, dass sein wichtigstes Schaffen in einer abgeschlossenen Ära verwurzelt ist.
Karloff (der so von Bogdanovich angetan war, dass er gratis seine Drehzeit verlängerte) erinnert in seiner ihn spiegelnden Rolle daran, welch natürlichen Witz er hat und wie mühelos er Schauererzählungen Gravitas verleiht. Die Bobby-Narrative setzt der melancholischen Angst, seine angestammte Zeit hinter sich gebracht zu haben, und dem fiktionalen Grusel der Karloff-Klassiker eine knochentrockene Schilderung unfassbarer, realer Schrecken entgegen:
Bogdanovich und Kameramann László Kovács („Paper Moon“) illustrieren Bobbys mechanisch-präzisen Amoklauf in unaufgeregt beobachtenden, beunruhigenden Bildern. In einer schwärmerischen Rezension bezeichnet Tarantino „Bewegliche Ziele“ angesichts dieser klinisch-erschütternden Szenen als „eine der eindringlichsten Forderungen nach strengeren Waffengesetzen“.
Weiter lobt Tarantino den Thriller als „eines der besten Regiedebüts aller Zeiten“ und zweitbeste Corman-Produktion – allein Bogdanovichs „Saint Jack“ sei noch besser. Alles in allem ist „Bewegliche Ziele“ für den „Kill Bill“-Regisseur ein „ungeschliffener Diamant“, was erklären dürfte, weshalb sein 60er-Tribut „Once Upon A Time In Hollywood“ einige Parallelen zu Bogdanovichs Erstling aufweist: Vom Schauspieler in der Sinnkrise hin zu langen Autofahrten durch Los Angeles, während das Radio läuft und eine simplere Welt vorgaukelt, als sie außerhalb des Wagens existiert.
Noch mehr Weltflucht als das Radioprogramm in „Bewegliche Ziele“ und „Once Upon A Time In Hollywood“ bietet übrigens der folgende, farbenfrohe, locker-flockige Heimkino-Tipp, für den Tarantino ebenfalls ein Herz hat:
Von Quentin Tarantino empfohlen: Dieser extrem charmante Klassiker ist viel zu unbekannt – jetzt im Heimkino nachholen!*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.