Als Wes Anderson vor elf Jahren „Grand Budapest Hotel“ ins Kino entließ, war es ein Doppeltriumph: Mit globalen Kinoeinnahmen von 174,6 Millionen Dollar wurde die verschachtelte Diebstahlkomödie zum kommerziell größten Hit des Regisseurs, obendrein wurde sie mit vier Oscars und fünf weiteren Nominierungen (darunter „Bester Film“) gekrönt.
Statt davon beflügelt um Anerkennung durch ein immer größeres Publikum und/oder immer offensichtlicher um Trophäen zu buhlen, nistet sich der Meisterregisseur in seiner Nische ein. Er scheint seine Anhängerschaft gar zu triezen, indem er zwar seine Bildästhetik ungebrochen auslebt, tonal aber immer eigener wird. Das gestattet große Überraschungen:
Nach dem stark chiffrierten „Asteroid City“ von 2023 folgte dieses Jahr mit „Der phönizische Meisterstreich“ eine sich ununterbrochen in Bewegung befindliche Komödie, die für den Verfasser dieses Artikels zu den lustigsten Filmen des Jahres gehört. Ab sofort gibt es „Der phönizische Meisterstreich“ fürs Heimkino, auf DVD und Blu-ray sowie 4K-Blu-ray!
Als Bonusmaterial enthalten die Scheiben einen vierteiligen Blick hinter die Kulissen. Zudem besteht die Möglichkeit, „Der phönizische Meisterstreich“ als VOD zu beziehen – etwa via Amazon Prime Video*.
Darum geht es in "Der phönizische Meisterstreich"
Der mächtige, oft angefeindete Tycoon Zsa-Zsa Korda (Benicio Del Toro) will seine Tochter Liesl (Mia Threapleton) darauf vorbereiten, sein Imperium zu erben. Die ist zwar dabei, Nonne zu werden, dennoch lässt sie sich mitschleifen, während ihr Vater den Nahen Osten bereist, um zahlreiche Abkommen zu schließen. Denn ein undurchsichtiges Konsortium namens Excalibur hat den Preis für „prügelbare Nieten“ manipuliert, um den Tycoon zu ruinieren. Nun braucht Korda all sein Verhandlungsgeschick, um auf Kurs zu bleiben...
Alles eine Frage des Arrangements
Minutiös arrangierte, nahezu (!) symmetrisch aufgeteilte Bilder, eine sich nur in wichtigen Ausnahmefällen bewegende Kamera, ein beiläufiger, rasiermesserscharfer Schnitt - und eine illustre Riege aus Superstars (in diesem Fall unter anderem Tom Hanks, Riz Ahmed, Scarlett Johansson und Bryan Cranston), die es wie im Schlaf beherrschen, eloquent-spitzzüngige Dialoge sowie blumige Monologe in einem abgebrüht-lakonischen Tonfall herunterzurasseln:
Andersons detaillierte Realfilm-Dioramen lassen sich auf einen Blick als solche erkennen. Diesbezüglich bietet „Der phönizische Meisterstreich“ noch mehr von dem, was man vorab erwartet hat. Überraschend mag das nicht sein, aber wenn allein schon der Vorspann eine durch meisterliche Hand gestaltete, distanzierte, jedoch faszinierende Stimmung bietet – wer will da schon nach dem ästhetisch Unerwarteten quengeln? Zumal Anderson und sein (erneuter) Ko-Autor Roman Coppola inhaltlich unentwegt Überraschungssalven zünden:
Die von Terroranschlägen, Mordversuchen und sonstigen Ärgernissen durchzogene Odyssee Kordas haut den Figuren und uns kontinuierlich absonderliche Situationen sowie knochentrockene Dialog-Knallbonbons um die Ohren. Selbstredend gilt, wie immer bei Komik, dass man sich mit dem Duktus des Films arrangieren muss. Zumindest mir, als Wes-Anderson-Fan der den Hype um „Grand Budapest Hotel“ nie verstanden hat, ist es gelungen:
Wenn Del Toro gelassen kommentiert, dass sein Flugzeug sowieso landen wird, bevor eine gerade entdeckte Zeitbombe hochgehen soll, Michael Cera sozial ungelenk mit schwedischem Akzent säuselt, Threapleton mit funkelnden Augen und steinerner Miene ein teures, verziertes Messer zückt und die Zukunft eines riesigen Landstrichs beim Korbwurf entschieden wird, kriege ich mich vor Kichern nicht mehr ein! Für mich ist „Der phönizische Meisterstreich“ der zweitlustigste Film des Jahres – bloß übertroffen von einem hierzulande kaum bekannten, internationalen Hit:
Neu auf Netflix: Der lustigste Film des (bisherigen) Jahres – da muss das "Kanu des Manitu" ordentlich nachlegen!Ähnlich, wie besagter Spukspaß mehr ist als ein rein absurdes Gagfeuerwerk, versteckt sich in „Der phönizische Meisterstreich“ hinter den durchdacht bestückten Tableaus und dem rasanten Witz ein gewaltiger, thematischer Unterbau. Dieses in den 1950ern angesiedelte Abenteuer eines Schwerreichen, der mit Handschlagdeals seine Stellung zu verteidigen versucht, ist zugleich eine unverhohlene Satire, in der wenige, einflussreiche Menschen den Nahen Osten wie ihr persönliches Strategie-Spielbrett behandeln.
Kurzfristige Ego-Streicheleien und mittelfristige Finanztaktiken haben in dieser Farce stets Vorrang gegenüber langfristigen, diplomatischen Überlegungen (geschweige denn den Interessen der Menschen, die mit weitaus weniger Geld in der Tasche vor Ort glücklich werden wollen). Diese thematische, kapitalkritische Ebene verbindet Anderson mutig mit einem religiösen Subplot: Der vom schnöden Geld besessene Protagonist entdeckt plötzlich seinen Glauben – was Anderson durch bizarre Visionen von Bill Murray, Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe und F. Murray Abraham visualisiert.
Ob dies Del Toros Helden reinwäscht, daran lässt der Regisseur sein Publikum knabbern: Glauben ist in dieser Komödie brüchig und wird gern opportun ausgelegt, Profit ist eh vielen die höhere Religion. Trotzdem wächst Zsa-Zsa menschlich, je mehr er über den größeren Sinn, irdische Verpflichtungen und seelisches Wohl grübelt. Vielleicht liegt es aber schlicht daran, dass große Geschichten mit immensen Implikationen inspirierender sind als die kleinteilige (Finanz-)Bürokratie, mit der sich Korda sonst arrangiert.
Und wenn ihr wissen möchtet, wie Wes Anderson seine meisterhaften Kulissen arrangiert, müsst ihr unbedingt unser folgendes Interview lesen:
"Am Ende des Films war das Kunstwerk weg": Das große FILMSTARTS-Interview mit Wes Anderson und Roman Coppola zu "Der phönizische Meisterstreich"*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.