Mit „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“ veröffentlichte Horror-Autor Stephen King 1982 eine Sammlung mit vier Geschichten, die ausnahmsweise mal nicht vom Grusel und Übernatürlichen handelten. Das Buch enthält unter anderem auch die Vorlagen für „Die Verurteilten“ und „Stand By Me“ – die für Fans zu den besten King-Verfilmungen zählen.
Eine etwas weniger bekannte Geschichte in der Sammlung ist „Der Musterschüler“. Darin entdeckt der Teenager Todd Bowden, dass sein Nachbar ein einst gefürchteter Nazi ist, der für seine kriminelle Vergangenheit niemals angeklagt wurde. Während er den alten Mann dazu bringt, ihm von seinen fürchterlichen Taten zu erzählen, scheint dieser sich mehr und mehr in seine Vergangenheit zurückzusehnen...
Die Verfilmung von 1998 – in der sogar der spätere Gandalf-Darsteller Ian Mckellen in die Rolle des Nazis schlüpfte – kennen heute gar nicht mehr so viele. Dabei hat es die Produktionsgeschichte des Films ganz schön in sich: diese Umfasst nämlich nicht nur eine Zeitspanne von 16 Jahren, sondern auch ein unglückliches Ereignis nach dem anderen.
Der erste Versuch einer Verfilmung scheiterte
Schnell nach der Veröffentlichung von Stephen Kings Novellensammlung sicherte sich Produzent Richard Kobritz („Christine“) die Filmrechte an „Der Musterschüler“. Prompt wurden auch die Rollen gecasted. Der alte Nachbar sollte zu diesem Zeitpunkt von James Mason verkörpert werden, der mit „Lolita“ und „Der unsichtbare Dritte“ längst als Weltstar galt. Bevor der Film jedoch in Produktion gehen konnte, starb der bereits 75-jährige Schauspieler traurigerweise an einem Herzinfarkt.
Mit Richard Burton fand man schnell einen Ersatz für die Rolle. Doch nur einen Monat nach dem Tod seines Vorgängers erlitt der „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“-Darsteller eine Hirnblutung, die auch für ihn tödlich endete – er war gerade mal 58 Jahre alt.
Nach diesen tragisch aufeinanderfolgenden Rückschlägen schritt die Produktion dann aber zunächst doch voran. Man besetzte Nicol Williamson („Excalibur“) als ehemaligen Nazi und Ricky Schroder („Der kleine Lord“) als dessen jungen Nachbarn. Nach 10 Wochen Dreharbeiten – man hatte bereits 40 Minuten Filmmaterial im Kasten – folgte dann das nächste Unglück: aufgrund von finanziellen Problemen des Studios wurde der Dreh nämlich ein ganzes Jahr auf Eis gelegt. Als man wieder im Stande war den Film fertig zu stellen, ergab sich aber ein ganz anderen Problem: der mittlerweile 17-jährige Ricky Schroder war in der Zeit so rapide gealtert, dass man den Unterschied unmöglich hätte übersehen können. Man hatte keine andere Wahl, als das gesamte Projekt aufzugeben.
"Dieses Projekt muss verflucht sein"
Die nächsten acht Jahre war es still um das Projekt. Schließlich traute sich Bryan Singer – der damals mit seinem Debütfilm „Die üblichen Verdächtigen“ als der nächste große Newcomer-Regisseur gefeiert wurde – erneut an den Stoff heran. Singer war schon lange Fan des Buches und enttäuscht, als aus der ursprünglichen Film-Adaption nichts wurde. Er besetzte Ian McKellen und Brad Rendro in den Hauptrollen, und der Dreh sollte 1996 starten.
Doch auch der zweite Anlauf war vom Pech heimgesucht: Wie schon bei der gescheiterten Produktion acht Jahre zuvor drehten die Produzenten den Geldhahn zu – diesmal begründet mit sowohl finanziellen als auch kreativen Differenzen. Singer war an diesem Punkt überzeugt, dass das Projekt „verflucht“ sein müsse, wie er später Entertainment Weekly erzählte. Mit Phoenix Pictures fand man dann aber doch noch ein Studio, das bereit war den Film zu finanzieren, und die Dreharbeiten konnten endlich beginnen. Aber selbst an diesem Punkt hörten die Probleme noch nicht auf...
Klagen gegen den Regisseur
Wer „Der Musterschüler“ gesehen hat, erinnert sich bestimmt noch an diese kontroverse Szene des Films: Während Todd mit seinen Mitschülern in der Sportumkleide der Schule duscht, fantasiert er, er befände sich in einer Gaskammer umgeben von jüdischen Gefangenen. Diese Szene wurde mit einer Gruppe von jungen Schauspielern gedreht, von denen später mehrere Anzeige gegen Bryan Singer erstatteten: Dieser habe sie nämlich dazu genötigt, für die Szene komplett nackt vor die Kamera zu treten. Die Klage wurde letztlich aber gegen eine nicht öffentlich bekannte Gebühr fallen gelassen.
Dieser Vorfall hat heutzutage einen besonders bitteren Beigeschmack: Singer drehte zwar noch lange Zeit weitere Filme – darunter die meisten Teile der „X-Men“-Reihe –, doch im Zuge der #MeToo-Bewegung kamen erneut sehr ähnliche Vorwürfe gegen ihn ans Tageslicht. So werden ihm unter anderem sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige angelastet. Seit seinem letzten Film, dem Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“, gilt der Regisseur daher als verbannt aus Hollywood.
8 Jahre nach seinem Rauswurf bei "Bohemian Rhapsody": "X-Men"-Regisseur hat wieder einen Film gedreht – mit Oscar-Gewinner„Der Musterschüler“ wurde damals aber trotz der Vorwürfe fertig gestellt und war zumindest für Stephen King eine zufriedenstellende Verfilmung seiner Geschichte. Laut ihm sei der Film nämlich deutlich anspruchsvoller als viele andere Adaptionen seiner Stoffe – ein kleiner Lichtblick nach der mehr als unglücklichen Produktionsgeschichte.
Stephen King hat übrigens auch mal verraten, welche Adaption seiner Geschichten er für die allerbeste hält. Dazu mehr im nachfolgenden Artikel:
Das ist die beste Stephen-King-Adaption aller Zeiten – laut dem Horror-Meister selbst!