Blicken wir kurz zurück auf den April 2025. An den Kinos sind gerade ein paar Filme gefloppt. Da stellt sich Netflix-Boss Ted Sarandos hin und haut eine Reihe von Behauptungen raus: Filme im Kino sehen zu wollen, sei „ein veraltetes Konzept“. Das Publikum mache mit den aktuellen Flops seine Meinung deutlich, dass es „die Filme gerne zu Hause schauen möchte“. Filme exklusiv im Kino zu zeigen, stehe „völlig im Widerspruch zur Verbrauchererfahrung, einen Film einfach zu lieben.“
Bei Netflix wisse man es dagegen besser: „Ich habe versucht, jeden Regisseur, mit dem wir zusammenarbeiten, zu ermutigen, sich auf den Konsumenten, auf die Fans zu konzentrieren. Macht einen Film, den sie lieben, und sie werden euch belohnen“. Das Werk müsse man dann nicht in den Kinos zeigen, gab sich Sarandos überzeugt. Wie wenig das verfängt, illustriert nun das Ergebnis einer von der New York Times veranstalteten Publikumswahl der besten Filme des 21. Jahrhunderts.
Eine Top-100 ohne einen Netflix-Film!
Die legendäre amerikanische Tageszeitung hat zuerst zahlreiche Filmschaffende befragt, die besten Filme des bisherigen Jahrhunderts zu wählen. Doch viel wichtiger für uns: Danach war auch das Publikum gefragt und hat sich rege beteiligt. Über 200.000 Menschen haben einen Stimmzettel ausgefüllt – und dabei sehr selten für die Filme von Streaminggigant Netflix gestimmt.
Das Ergebnis: In der gesamten Top-100-Liste findet sich kein einziger Netflix-Film (und übrigens auch keiner von Konkurrent Amazon Prime Video). Mit „Der schwarze Diamant“ ist zwar auf Platz 72 ein Film, der in Deutschland als sogenanntes Netflix Original vermarktet wird. Das Meisterwerk mit Adam Sandler ist aber eine Produktion von US-Kinoverleih A24, wird von Netflix nur außerhalb der USA vertrieben. Der beste Netflix-Film steht so mit „Roma“ auf Platz 124, auf Rang 177 folgt „The Irishman“ von Martin Scorsese. Die Regie-Legende hat übrigens auch die einzige Streaming-Produktion in der Top-100 zu verantworten: „Killers Of The Flower Moon“ von Apple auf Rang 93. Eins haben übrigens all diese drei Streaming-Titel gemeinsam: Sie kamen vor ihrem Netflix-Debüt ins Kino!
Das Kino und seine Wirkung – da kann Netflix nicht mithalten
Ist das einfach nur Zufall, dass Streaming-Titel keine Chance hatten, wenn es um die besten Filme des 21. Jahrhunderts geht? Oder sind Streaming-Veröffentlichungen halt einfach nur alle schlechter? Letzteres unken manche zwar gerne, aber selbst das würde so eine völlige Absenz nicht wirklich erklären. Schließlich ist Netflix der mit riesigem Abstand größte Filmproduzent Hollywoods. Weit über 100 neue Titel schmeißt der Streamingdienst jedes Jahr auf den Markt, bei den Traditionsstudios wie Warner oder Paramount sind es jeweils vielleicht rund ein Dutzend.
Man ist da natürlich schnell beim „Mehr Masse statt Klasse“-Argument, doch Fachleute verweisen schon immer auf die Wirkungsunterschiede, die ein Kinobesuch und ein Netflix-Stream haben.
- Kino ist eben kein „veraltetes Konzept“, sondern für viele Menschen immer noch ein Ereignis. Man konzentriert sich voll auf den Film, sieht diesen in einer Gemeinschaft, die ähnlich fokussiert ist. Oft schließt sich daran noch ein Austausch an, man unterhält sich mit der Begleitung über den gerade gesehenen Film. Auch das gemeinsame Lachen, Weinen oder Erschrecken in einem vollbesetzten Saal schafft eine besondere Atmosphäre, die das Filmerlebnis intensiviert und fester im Gedächtnis verankert. Dazu ist ein Kinobesuch viel deutlicher eine bewusste Entscheidung für ein kulturelles Erlebnis. Man plant es, bezahlt dafür, geht außer Haus.
- Das ist beim Netflix-Stream alles so nicht gegeben. Es ist ein Klischee, mit dem gerne gespielt wird, aber trotzdem oft zutreffend ist. Leute schauen Netflix auch, während sie Wäsche waschen, LEGO bauen oder am Handy spielen. Man sitzt meist alleine oder im sehr kleinen Kreis vor dem TV-Bildschirm (oder in schlimmen Fällen sogar vor dem winzigen Handy-Screen). Ein Commitment geht man viel seltener ein. Da wird auch einfach mal, der Stream angeworfen, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat.
Kino-Filme prägen sich dank größerer Aufmerksamkeit und längerer Auseinandersetzung damit besser ein, Netflix-Filme geraten schneller in Vergessenheit. Ein Beispiel: „Don‛t Look Up“ war Ende 2021 für Netflix ein Mega-Hit. Mit Stars wie Leonardo DiCaprio und Jennifer Lawrence avancierte die Satire zu einem der meistgeschauten Titel des Streamingdiensts. Doch wer kann sich da heute noch an irgendetwas daraus wirklich erinnern? Bei „Avengers: Endgame“ wissen viele Leute, die den Film nur ein einziges Mal gesehen haben, dagegen noch genau, wie sie bestimmten Szenen gefühlt haben. Und jetzt ratet mal, welcher Film auf Platz 100 der New-York-Times-Publikumswahl steht und welcher es nicht einmal in die Top-500 geschafft hat. Letzteres gelang sogar zwei Teilen der „Fast & Furious“-Reihe – aber die liefen immerhin auch im Kino.
Mit „Blood & Sinners“ hat sich sogar ein Kino-Erfolg aus diesem Jahr 2025 bereits in der Liste (auf Rang 52) platziert. Das mag ein wenig dem Rezenzeffekt geschuldet sein, ist aber ein weiteres deutliches Beispiel: Es ist ein Film, der exklusiv erst mal nur im Kino und nicht bei einem Streamingdienst wie Netflix zu sehen war, der bei so vielen Filmfans Eindruck hinterließ, dass sie ihn auf eine Liste der besten Filme aus 25 Jahren gepackt haben. Es ist ein Film, für den die Leute gerne und zahlreiche in die Kinos gepilgert sind, weil sie ihn eben nicht lieber zu Hause schauen möchten, wie Sarandos behauptet hat. Das Kino ist tot? Nein, es ist verdammt lebendig.
Wusstet ihr, dass „Blood & Sinners“ davon profitierte, dass ein großer Marvel-Film seit Jahren nicht vorankommt? Nein? Dann erfahrt ihr mehr im folgenden Artikel:
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