Ob Action, Horror, Drama oder Mystery-Mindfuck: Das koreanische Kino mauserte sich in den vergangenen Jahrzehnten mit so unterschiedlichen Filmen wie „Oldboy“, „Die Taschendiebin“, „Parasite“, „Train To Busan“ und „Burning“ zum globalen Phänomen. Ganz zu schweigen von Netflix' Über-Sensation „Squid Game“.
Teil des Erfolgsrezepts ist neben spektakulären Bildern oftmals auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Dabei werden zwar vorwiegend in Korea vorherrschende Missstände (wie etwa eine große Kluft zwischen Arm und Reich) aufgegriffen, in den meisten Fällen lassen sich jene oft erschütternden Wahrheiten aber eben auch auf den Rest der Welt ziemlich uneingeschränkt übertragen.
„Love In The Big City“ ist ein Film, der die Stärken des koreanischen Kinos vereint – und in eine romantische Komödie verpackt. Jedenfalls wird der neue Film von Regisseurin Eoni als eine solche beworben. Ganz gerecht wird das dem Film, der vor allem als Coming-of-Age-Drama richtig tief unter die Haut geht, allerdings nicht. Davon könnt ihr euch ab sofort auch selbst überzeugen, denn der Film feiert am heutigen 17. Juli 2025 seine Deutschlandpremiere im Streaming – als Video-on-Demand unter anderem bei Amazon Prime Video:
Der Autor dieses Artikels kann an dieser Stelle nur eine klare Empfehlung aussprechen. Unabhängig davon, ob der Film am Ende einen ähnlichen Hype wie die erwähnten Hits auslösen oder ein Dasein als Geheimtipp fristen wird, ist „Love In The Big City“ für ihn nämlich der nächste ganz große Wurf aus Südkorea.
Mittzwanziger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens
Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Sang Young Park* erzählt „Love In The Big City“ die Geschichte von Jae-hee (Kim Go-eun) und Heung-soo (Steve Sang Hyun Noh), die auf den ersten Blick kaum Gemeinsamkeiten haben. Die unangepasste Jae-hee führt ein scheinbar sorgenfreies Leben, trägt gerne mal zwei Tage hintereinander dieselben Klamotten und scheut keine Konfrontation. Heung-soo hingegen hält lieber den Ball flach, ist reserviert und zurückhaltend – und will auf keinen Fall riskieren, dass seine Mitmenschen von seiner Homosexualität erfahren.
Während die eine also auch mal blank zieht und ihre Brüste vor der gesamten Klasse zeigt, um ihren Standpunkt zu vertreten, hält der andere mit seinem Love Interest nur solange im Fahrstuhl Händchen, bis sich die Tür öffnet. Doch so unterschiedlich sie auch sind, die beiden haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie sind auf ihre jeweilige Art Außenseiter, die gemeinsam vor der vielleicht größten Herausforderung des Lebens stehen – sich selbst finden und damit glücklich sein.
"Wie kann es bloß deine Schwäche sein, du selbst zu sein?"
Nach einer kurzen Einführung ihrer Protagonisten gelingt es Regisseurin Eoni spätestens mit dem ersten (bzw. zweiten) Aufeinandertreffen der beiden, das Publikum für Jae-hee und Heung-soo zu gewinnen. Denn gerade als Letzterer von seinen Kommilitonen verdächtigt wird, mit seinem Professor rumgemacht zu haben, eilt seine Bald-beste-Freundin zur Rettung. Auch sie hat die beiden in flagranti erwischt. Um den Schein zu wahren, gaukelt sie den anderen allerdings vor, stattdessen selbst mit Heung-soo in der Kiste gelandet zu sein. Übermannt von Jae-hees souveränen Spontaneität, verabsäumt es dieser am Ende beinahe, mitzuspielen – kriegt am Ende aber nicht nur gerade noch so die Kurve. Obendrein kann er ab sofort sowohl auf Jae-hee als auch das Publikum an seiner Seite zählen!
Die beiden ziehen schließlich zusammen und erleben in den kommenden Jahren ebenso Höhepunkte wie Rückschläge. Ob im Uni-Alltag, auf Nachtclub-Odyssee oder am verkaterten Morgen danach: Die beiden halten sich stets den Rücken frei, gehen ihrer Selbstfindung ohne Kompromisse nach und beschäftigen sich mit den großen Fragen des Lebens: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen lieben und vermissen? Ist Freundschaft wichtiger als Liebe? Und wie kann es bloß deine Schwäche sein, du selbst zu sein?
Atlas Film
Dabei ist „Love In The Big City“ nie auf Krawall gebürstet. Nie drückt der Film allzu sehr auf die Tränendrüse oder droht gar, im Kitsch unterzugehen. Stattdessen wird die Geschichte zweier Außenseiter, die sich von ihrer Umwelt verstoßen fühlen, so empathisch und nuanciert erzählt, dass sich die Vorzeichen im Laufe des Films schließlich wandeln – und am Ende eine Coming-of-Age-Geschichte um zwei ganz normale Mittzwanziger in einer verrückten Welt herauskommt.
Eoni geht dabei mit beeindruckendem Feingefühl vor, führt den Film mal in Richtung Comedy, mal in Richtung Drama – ohne dabei mehr in die eine oder andere Richtung auszuschlagen, als für die Geschichte gut (und vor allem glaubhaft) wäre. Gerade deswegen ist „Love In The Big City“ letztlich ein Stück waschechtes Gefühlskino, das zwar auch mal zum Brüllen komisch ist, wenn sich etwa Jae-Hee vor der Mutter ihrer Liaison unter dem Bett versteckt. Vor allem aber glaubt man selbst immer wieder, die Last mitzutragen, die das ungleiche Duo tagtäglich schultert – das Gefühl, nicht genug zu sein und keinen Platz in der Gesellschaft zu haben. Einfach nur noch weg zu wollen, um sein Leben nach den eigenen Vorstellungen leben zu können. Oder gar keinen Ausweg mehr zu sehen – und mit einer Plastiktüte über dem Kopf bereit zu sein, all den Ängsten und Zweifeln ein für allemal ein Ende zu bereiten.
Themen wie Suizid, Abtreibung und Vorurteile sowie deren Stellenwert in der heutigen Welt werden hier auf eine Art und Weise behandelt, die erschüttert und niederschmettert. Am Ende aber fühlt sich „Love In The Big City“ dennoch wie eine warme Umarmung an, ein Hoffnungsschimmer am Horizont, der einen daran erinnert, dass es sich – auch wenn mal alles den Bach runtergeht – lohnt, durchzuhalten…
Für mich bleibt zu hoffen, dass „Love In The Big City“ trotz exklusiver VoD-Veröffentlichung die Aufmerksamkeit bekommt, die dieser außergewöhnlicher Film verdient – belegt er in meiner persönlichen Jahresbestenliste aktuell doch immerhin den zweiten Platz (von über 60 Filmen!). Was den Spitzenreiter angeht: Den hat euch FILMSTARTS-Redakteur Stefan Geisler schon an anderer Stelle vorgestellt:
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