Ab und zu kochen auf Netflix die Hormone hoch: Schon das explizite Drama „Love“ über die weitreichenden Konsequenzen eines Dreiers wurde dort zum Publikumsrenner. Und die „365 Days“-Trilogie über eine Frau, die sich in ihren Entführer verliebt, wurde zum enormen, kontroversen Erfolg. Zuletzt zog der deutsche Erotik-Thriller „Fall For Me“ das Netflix-Publikum in seinen Bann:
Die von „3096 Tage“-Regisseurin Sherry Hormann inszenierte Geschichte einer Wirtschaftsprüferin, die während ihres Mallorca-Besuch nicht nur aufgrund der Temperaturen ins Schwitzen kommt, schoss in 60 Ländern auf die Spitze der Netflix-Charts! Wenn ihr „Fall For Me“ gesehen habt und auf den Geschmack gekommen seid, müsst ihr nicht länger nach verwandten Produktionen Ausschau halten:
Auf Netflix befindet sich mit „Fucking Berlin“ ein weiterer Film, in dem „Fall For Me“-Star Svenja Jung sexuelle Eskapaden durchlebt – genüssliche, niederschmetternde und skurrile!
Darum geht es in "Fucking Berlin"
Als Mathematikstudentin Sonia (Svenja Jung) nach Berlin zieht, verliebt sie sich Hals über Kopf in die Möglichkeiten, die Deutschlands pulsierende, tabulose Hauptstadt bietet – vor allem für offenherzige, attraktive Menschen: Sonia gibt sich dem konstanten Rhythmus des Berliner Partylebens hin und findet in Ladja (Mateusz Dopieralski) einen Gleichgesinnten.
Sie werden ein Paar und schaukeln sich in ihrer Vergnügungssucht hoch. Als Sonia deshalb finanziell völlig auslaugt, wird sie erst zum strippenden Camgirl und lotet bald darauf ihre Grenzen als Prostituierte im Plattenbau-Bordell „Oase“ aus, das von der mehr schlecht als recht mit Zahlen jonglierenden Anja (Judith Steinhäuser) betrieben wird...
Körperlich, ambivalent und basierend auf wahren Erfahrungen
Svenja Jung ist eine sehr körperliche Schauspielerin, was das ehemalige „Unter uns“-Gesicht unter anderem mit einer Doppelrolle im ZDF-Serienevent „Der Palast“ und mit tänzerischer Agilität in „Fly“ unter Beweis gestellt hat. Auch dass dieser Hang zum körperbetonten Spiel bei ihr damit einhergeht, wenig Scheu vor sexuellen Stoffen und freizügigen Szenen zu haben, war vor „Fall For Me“ ersichtlich.
Denn „Fucking Berlin“ darf man keineswegs mit romantisiert-leichtfüßigen Prostitutionsmärchen wie „Pretty Woman“ verwechseln: Das von „Du Sie Er & Wir“-Regisseur Florian Gottschick inszenierte Sexarbeit-Drama basiert auf der gleichnamigen Autobiografie von Sonia Rossi – und die eckte mit ihrer forschen Ambivalenz ordentlich an.
Rossis Erfahrungsbericht ist ein Mittelfinger in die Richtung all jener, die Sexarbeit verteufeln: Die Autorin skizziert Prostitution als Beruf, der unter korrekten Rahmenbedingungen einem spezifischen Menschenschlag sehr leicht fallen und überaus gefallen kann. Gleichwohl macht sie es all denen schwer, die diese Schilderungen als Beleg heranziehen wollen, dass dieses Berufsfeld halb so schlimm sei:
Rossi macht zwischen schillernden Erzählungen überraschender, euphorisierender und fetischhafter Erlebnisse unmissverständlich klar, dass Sexarbeit ein Berufskosmos ist, in den viele Menschen notgedrungen schlittern, und in dem (insbesondere weibliche) Berufstätige schnell völlig schutzlos dastehen. Ganz davon zu schweigen, wie rasch unbehagliche Augenblicke in bedrohliche Situationen mit lang anhaltenden Konsequenzen kippen.
Uneben, aber (gerade zu Beginn) engagiert
Den daraus resultierenden, schweißtreibenden Tanz zwischen schroffer Kampfansage, desillusionierter Milieustudie und neugierig-sexpositivem Erlebnisbericht kann Gottschick nicht vollauf replizieren. Doch es ist keinesfalls so, als hätte er sich nicht bemüht:
Svenja Jung füllt ihre Rolle mit einer experimentierfreudigen, ungenierten Impulsivität aus, lässt zuweilen aber auch ganz beiläufig eine Sorge um ihre Figur hochschnellen lassende, glaubhafte Naivität aufblitzen. Zudem ist der Auftakt des Films ziemlich gelungen: Gottschick inszeniert Berlin als verführendes Lichtermeer, ohne dabei zu tief in die audiovisuelle Klischeekiste zu greifen.
Der erste Filmakt erklärt blendend, wie diese Umgebung Sonias gleitende Wandlung von der lustvoll-lüsternen Jungstudentin zum nimmermüden Partygirl und letztlich zur Sexarbeiterin bedingte – und es bleibt Interpretationsspielraum, wie sehr beim letzten Schritt Verzweiflung eine Rolle spielte und wie sehr Sonias sexuelle Abenteuerlust als Triebfeder anzusehen ist.
Doch selbst abgesehen davon, dass der Großteil des Casts nicht mit der engagierten, erfrischend-nassforschen Performance Jungs mitzuhalten versteht und allerhand Nebenfiguren banale Verbalhülsen von sich geben: Kaum im „Oase“-Arbeitsalltag angelangt, reduzieren Regisseur/Autor Gottschick und die ebenfalls für das Skript zuständigen Sophie Luise Bauer, Leonie Krippendorff und Dominik Stegmann die Vorlage auf vorhersehbare Wendepunkte.
Auch die Inszenierung wird klischeehafter und gefälliger. Einfachen Antworten geht „Fucking Berlin“ trotzdem bis zum Schluss aus dem Weg, sodass das rau beginnende, sich gen Schluss zügelnde Erotik-Drama konstant die Geschichte einer aneckenden Frauenfigur bleibt, die uns in unserer Moral herausfordert. Und es zeigt (im gegenseitigen Einvernehmen ausgelebte, Grenzen respektierende) Sexualität in einem abwechslungsreicheren, skurrileren und schamloseren Licht als es der Großteil des Netflix-Portfolios tut.
Solltet ihr nach „Fucking Berlin“ weiterhin auf der Suche nach tabuloseren Produktionen sein: Wir haben euch kürzlich einen skandalträchtigen, opulenten Historienstoff vorgestellt, der in der Darstellung sexueller Inhalte alles andere als zimperlich ist!
Jahrzehntelang gab es diesen exzessiven Historienfilm nur stark gekürzt: Nun erscheint der Skandalfilm uncut auf Blu-ray*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision.