"Mein Herz raste": Quentin Tarantino kürt brutalen Kriegsfilm zum besten Film des 21. Jahrhunderts
Björn Becher
Björn Becher
-Mitglied der Chefredaktion
Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Regie-Legende Quentin Tarantino hat seine Wahl der 20 besten Filme des 21. Jahrhunderts fortgesetzt. Nach Platz 11 bis 20 in der Vorwoche gibt es jetzt die Top 10.

LEONINE

Bei einem Auftritt im Podcast von Bret Easton Ellis hat sich „Pulp Fiction“-Regisseur Quentin Tarantino der Aufgabe angenommen, die besten Filme des bisherigen Jahrhunderts zu wählen. Dabei hat er sich selbst eine Beschränkung auferlegt: Pro Regisseur ist nur ein Film erlaubt.

Den Anfang machten bereits vergangene Woche die Plätze 11 bis 20 mit Filmen von Steven Spielberg, Eli Roth, Rob Zombie und Mel Gibson. Die komplette Liste bekommt ihr im folgenden Artikel:

Quentin Tarantino enthüllt "die besten Filme des 21. Jahrhunderts" – das sind die Plätze 11-20!

Im jetzt veröffentlichten zweiten Teil des Podcasts mit „American Psycho“-Autor Ellis legte er die ersten zehn Plätze nach. Darin finden sich gleich zwei Kriegsfilme – einer davon ist sogar auf dem ersten Platz. Doch genug der Vorrede, hier sind die Plätze 10-1 von Quentin Tarantinos „besten Filmen des 21. Jahrhunderts“:

10. "Midnight In Paris" (2011, Woody Allen)

Woody Allens nostalgische Zeitreise-Komödie „Midnight In Paris“ über einen desillusionierten Schriftsteller, der jede Nacht in die 1920er Jahre versetzt wird, gehört für Tarantino zu den charmantesten Filmen der jüngeren Vergangenheit – obwohl er zunächst ein persönliches Problem mit dem Hauptdarsteller hatte.

„Ich kann Owen Wilson wirklich nicht ausstehen. Beim ersten Schauen liebte ich den Film und hasste ihn. Beim zweiten Mal dachte ich: ‚Sei kein Arsch, so schlimm ist er nicht.‘ Beim dritten Mal erwischte ich mich dabei, wie ich nur noch ihn ansah.“

9. "Shaun Of The Dead" (2004, Edgar Wright)

Edgar Wrights Durchbruchsfilm „Shaun Of The Dead“ ist für Tarantino eine der besten Liebeserklärungen an das Zombie-Kino überhaupt – voller cleverer Gags, Timing, Herz und Respekt vor Romero.

„Mein Lieblings-Regiedebüt, auch wenn er vorher ein billiges Debüt gemacht hat, über das er nicht gern spricht […] Ich liebte, wie sehr er das Romero-Universum nachbildete. Das Drehbuch ist fantastisch und eines der zitierfreudigsten auf dieser Liste – ich zitiere heute noch ‚Die Hunde schauen nicht nach oben‘. Es ist keine Parodie auf Zombie-Filme, es IST ein echter Zombie-Film – und ich schätze diese Unterscheidung.“

8. "Mad Max: Fury Road" (2015, George Miller)

George Millers apokalyptisches Actionfeuerwerk „Mad Max: Fury Road“ setzte neue Standards für kinetisches Erzählen und visuelle Klarheit. Tarantino selbst musste erst überzeugt werden, den Film überhaupt zu sehen – schließlich fehlte ihm Mel Gibson. Doch dann überwältigte ihn die radikale Konsequenz von Millers Vision:

„Ich wollte ihn eigentlich nicht sehen – in einer Welt, in der Mel Gibson existiert und nicht Max spielt? Ich wollte Mad Mel! Wochenlang. Doch alle sagten, wie großartig er sei, und mein Cutter Fred meinte: ‚Im Ernst, du musst ihn sehen.‘ Dann sah ich ihn. Das großartige Zeug ist so großartig, und man sieht einem wirklich großen Filmemacher zu, der alles Geld und alle Zeit der Welt hatte, um genau den Film zu machen, den er wollte.“

7. "Unstoppable – Außer Kontrolle" (2010, Tony Scott)

Unstoppable – Außer Kontrolle“, Tony Scotts letzter Film, ist nicht nur für Tarantino, sondern auch den Autor dieser Zeilen ein Paradebeispiel reiner, unverstellter Actionenergie. Die Geschichte des unkontrollierbaren Gefahrgut-Zugs, der zur Naturgewalt wird, empfindet er als eines der vollkommensten Statements von Scotts Stil.

„Eine meiner Lieblings-letzten Arbeiten eines Regisseurs. Ich habe ihn viermal gesehen, und jedes Mal mochte ich ihn mehr. Früher hätte ich ‚Man On Fire‘ gewählt, aber ‚Unstoppable‘ ist eine der reinsten Visionen von Tonys Action-Ästhetik. Die beiden Hauptdarsteller sind großartig zusammen. Und es ist eines der besten Monster-Movies des 21. Jahrhunderts. Der Zug ist ein Monster. Er wird zu einem Monster – stärker als Godzilla, stärker als diese King-Kong-Filme.“

6. "Zodiac" (2007, David Fincher)

David Finchers akribische Chronik der Zodiac-Morde entzieht sich den üblichen Thriller-Konventionen und entfaltet ihre Sogwirkung eher durch Detailarbeit, nüchterne Spannung und den obsessiven Blick auf Recherche. Auch Tarantino brauchte mehrere Anläufe, bis der Funke bei „Zodiac“ übersprang:

„Als ich ‚Zodiac‘ zum ersten Mal sah, war ich nicht so drin. Dann lief er auf den Movie Channels, und plötzlich schaute ich 20 Minuten, 40 Minuten … und merkte, dass er viel fesselnder war, als ich dachte. Also sah ich das verdammte Ding erneut, und von da an war es eine völlig andere Erfahrung. Alle sechs, sieben Jahre gebe ich mich ihm wieder hin – ein luxuriöses Erlebnis […] ein hypnotisierendes Meisterwerk.“

5. "There Will Be Blood" (2007, Paul Thomas Anderson)

Paul Thomas Andersons epische Erzählung über den Ölmann Daniel Plainview ist für Tarantino ein Paradebeispiel klassischer Filmkunst – getragen von Daniel Day-Lewis’ monumentaler Performance und einer Erzählweise, die völlig ohne traditionelle Set Pieces auskommt. Doch trotz aller Bewunderung sieht Tarantino einen Makel an „There Will Be Blood“:

Daniel Day-Lewis. Die alte Handwerkskunst des Films. Er hat diese alte Hollywood-Qualität, ohne sie kopieren zu wollen. Es ist der einzige Film, den er je gemacht hat, […] der kein Set Piece hat. Das Feuer ist das Nächste daran. Es geht nur um die Geschichte – und er macht das verdammt brillant. ‚There Will Be Blood‘ wäre meine Nummer 1 oder 2, wenn er nicht diesen gigantischen Fehler hätte … und der Fehler ist Paul Dano. Es soll ein Duett sein, aber es ist offensichtlich keines. Er ist schwach, Mann. Eine schwache Nummer. Austin Butler wäre großartig gewesen. Dano ist einfach der schwächste verdammte Schauspieler in der Schauspielgewerkschaft.“

4. "Dunkirk" (2017, Christopher Nolan)

Die Kriegsfilm-Zeitebenen-Collage von Christopher Nolan über die Evakuierung britischer Soldaten aus Dünkirchen wirkt beim ersten Kontakt oft überwältigend – für Tarantino war „Dunkirk“ zunächst sogar „zu viel“. Doch mit jeder Sichtung wuchs seine Bewunderung für die Präzision, Strenge und audiovisuelle Wucht des Films:

„Ein weiterer Film, den ich zunächst nicht mochte […] Was ich jetzt daran liebe: Er besitzt eine echte Meisterschaft, und ich kam erst durch wiederholtes Sehen dahinter. Beim ersten Mal war ich nicht kaltgelassen, aber es war so überwältigend, dass ich nicht wusste, was ich da sah – fast zu viel. Beim zweiten Mal konnte mein Gehirn mehr aufnehmen, und beim dritten und vierten Mal hat er mich einfach umgehauen.“

3. "Lost In Translation" (2003, Sofia Coppola)

Sofia Coppolas leise, sanft-melancholische Begegnungsgeschichte zwischen zwei einsamen Seelen in Tokio gilt für Tarantino als eines der feinfühligsten Werke seiner Zeit. Die intime Stimmung, die sensiblen Beobachtungen und der besondere „Girlie“-Tonfall haben ihn bei „Lost In Translation“ regelrecht verzaubert:

„Ich habe mich so in ‚Lost in Translation‘ verliebt, dass ich mich in Sofia Coppola verliebt habe und sie zu meiner Freundin machte. Ich warb um sie, komplett in der Öffentlichkeit, wie in einem Jane-Austen-Roman. Ich kannte sie nicht gut genug, um es privat zu versuchen, also ging ich immer wieder zu Events […] Ich sprach mit Pedro Almodóvar darüber, und wir waren uns einig: Es ist ein so ‚girlie‘ Film – auf die köstlichste Art. Ich hatte lange keinen so ‚girlie‘ Film gesehen, und schon gar keinen, der so gut gemacht war.“

2. "Toy Story 3" (2010, Lee Unkrich)

Der dritte Teil der „Toy Story“-Reihe gelingt das, woran Trilogie-Finals fast immer scheitern: Er bringt eine emotionale Vollendung, die sich wahrhaft verdient anfühlt. In Lee Unkrichs bewegendem Abenteuer „Toy Story 3“ müssen Woody und Co. endgültig akzeptieren, dass Andy erwachsen geworden ist. Für Tarantino ist das Ergebnis ein kleines Wunder:

„Diese letzten fünf Minuten haben mir das verdammte Herz herausgerissen, und wenn ich versuche, das Ende zu beschreiben, fange ich an zu weinen und bekomme keinen Ton raus […] Es ist bemerkenswert. Fast ein perfekter Film. Und wir reden noch nicht mal über die endlosen Comedy-Momente. Niemand kriegt einen dritten Film richtig hin. Der andere ist für mich ‚Zwei glorreiche Halunken‘ – und dies ist das ‚Zwei glorreiche Halunken‘ der Animationsfilme. Das beste Trilogie-Ende überhaupt.“

1. "Black Hawk Down" (2001, Ridley Scott)

Doch all die bisherigen Werke übertrifft ein schonungsloser Kriegsfilm von Ridley Scott. „Black Hawk Down“ über die missglückte „Operation Irene“ in Mogadischu gehört für Tarantino zu den großen Regiemeisterleistungen des neuen Jahrtausends. Mit dokumentarischer Wucht, überwältigender Klangkulisse und fast ununterbrochener Spannung erschafft Scott ein Kriegsinferno, das kaum Atem lässt. Tarantino lobt das Werk in höchsten Tönen:

„Ich mochte ihn beim ersten Sehen, aber er war so intensiv, dass er mich nicht weiterbeschäftigte, ich ihn nicht so mit mir trug, wie ich sollte […] Seitdem habe ich ihn ein paar Mal gesehen, nicht oft, aber für mich ist es ein Meisterwerk. Eines der Dinge, die ich daran so liebe: Das ist der einzige Film, der wirklich komplett ein ‚Apocalypse Now‘-Gefühl anstrebt – und erreicht. Die Intensität hält 2 Stunden 45 Minuten durch, oder wie lang er ist. Als ich ihn neulich wiedersah, raste mein Herz durch den gesamten Film; er packte mich und ließ mich nicht los. Die Regieleistung ist außergewöhnlich.“

Black Hawk Down
Black Hawk Down
Starttermin 10. Oktober 2002 | 2 Std. 23 Min.
Von Ridley Scott
Mit Josh Hartnett, Ewan McGregor, Tom Sizemore
User-Wertung
4,0
Filmstarts
4,0
Im Stream

„Black Hawk Down“ könnt ihr aktuell übrigens bei Netflix im Abo streamen. Auch FILMSTARTS-Redakteur Pascal Reis begeistert das schonungslos-intensive Kriegsdrama, wie er anlässlich der Veröffentlichung auf dem Streamingdienst mit dem roten N bereits hier ausgeführt hat:

*Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.

facebook Tweet
Ähnliche Nachrichten
Das könnte dich auch interessieren