"Action ist beim Dreh ziemlich langweilig": Der "One Battle After Another"-Regisseur verrät uns ein Geheimnis hinter seinem Kino-Meisterwerk
Björn Becher
Björn Becher
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Seit mehr als 20 Jahren schreibt Björn Becher über Filme und Serien. Hier bei FILMSTARTS.de kümmert er sich um "Star Wars" - aber auch um alles, was gerade im Kino auf der großen Leinwand läuft.

Anlässlich des Kinostarts seines herausragenden neuen Films „One Battle After Another“ haben wir mit Regisseur Paul Thomas Anderson telefoniert, um über Auto-Action, Leonardo DiCaprio und vieles mehr zu reden.

Mit seinem gerade in den deutschen Kinos gestarteten Meisterwerk (5 Sterne auf FILMSTARTS.de) „One Battle After Another“ wagt sich Paul Thomas Anderson erstmals an einen Actionfilm – inklusive einer spektakulären Autoverfolgungsjagd durch die Wüste. Doch wer den Regisseur von Meisterwerken wie „Magnolia“ oder „There Will Be Blood“ kennt, ahnt schon: Bei ihm geht es nie „nur“ um Krawall.

Im Zentrum steht so eine zutiefst emotionale Vater-Tochter-Geschichte. Leonardo DiCaprio spielt den Kiffer Bob, der sich auf seine alten Fähigkeiten als Revolutionär besinnen muss. Denn sein alter Erzfeind, der Armee-General Lockjaw (Sean Penn), hat eine ganz persönliche Motivation, um Bobs Tochter Willa (Newcomerin Chase Infiniti) zu jagen.

Im Interview sprachen wir mit Paul Thomas Anderson darüber, wie er es nach vielen Jahren Schwierigkeiten endlich geschafft hat, Thomas Pynchons Roman „Vineland“ zu verfilmen, indem er ihn einfach gar nicht adaptiert hat. Wir reden mit ihm zudem über die grotesk-furchteinflößende Performance von Sean Penn, wie er es schafft, einem Song-Klassiker endlich den Schrecken zu nehmen und über großartige Auto-Verfolgungsjagdfilme, die dem Regisseur als Vorbild dienten. Dabei verrät er uns auch ein kleines Geheimnis zur Inszenierung von Action.

Paul Thomas Anderson gemeinsam mit Leonardo DiCaprio beim Dreh zu Merrick Morton / Warner Bros.
Paul Thomas Anderson gemeinsam mit Leonardo DiCaprio beim Dreh zu "One Battle After Another".

FILMSTARTS: Du wolltest schon sehr lange Thomas Pynchons „Vineland“ verfilmen. Statt den Roman zu adaptieren, hast du jetzt aber nur einige Elemente wie die Vater-Tochter-Geschichte übernommen, aber sonst deine eigene Geschichte erzählt. Wie kam es dazu?

Paul Thomas Anderson: Ehrlicherweise habe ich mich einfach unfähig gefühlt, es richtig zu adaptieren. Ich liebe und respektiere dieses Buch so sehr – und habe immer wieder versucht, es zu ehren. Doch das war ein Fehler.

Meine vorherige Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“ ist sehr respektvoll gegenüber der Vorlage und folgt dem Buch. Doch hier habe ich zum Glück irgendwann gemerkt, dass es besser wäre, mich nur davon inspirieren zu lassen und es nicht Adaption zu nennen. Mit diesem Ansatz hat sich alles erschlossen. Es haben sich die Namen geändert, ich habe viele Elemente aus anderen Geschichten, die ich mit mir herumtrug, eingebaut, und über die Jahre wurde es dann dieser Film.

Diese Action-Klassiker inspirierten Paul Thomas Anderson

FILMSTARTS: Du hast noch nie zuvor so viel Action inszeniert – gerade die Verfolgungsjagd am Ende ist ein Highlight. Hast du dir als Inspiration bestimmte andere Filme angeschaut, um zu sehen, was du machen willst?

Paul Thomas Anderson: Ja, natürlich. Wie wahrscheinlich jeder junge Filmfan auf diesem Planeten wollte ich schon seit ich denken kann einen Auto-Verfolgungsjagdfilm machen. Mich haben viele davon geprägt. „Fluchtpunkt San Francisco“ ist einer meiner Favoriten – und hat als Wüstenfilm mit großartigen Verfolgungsjagden natürlich einige Parallelen.

French Connection“ muss ich natürlich erwähnen, aber man kann auch nicht über Verfolgungsjagden reden, ohne Steven Spielbergs „Duell“ und „Sugarland Express“, aber auch „Mad Max“ sowie „Mad Max II – Der Vollstrecker“ und „Midnight Run“ zu erwähnen. Dazu kommen „Auf dem Highway ist die Hölle los“ und „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ – das sind Filme, die ich als Kind so oft gesehen habe und liebe.

So viel Action gab es in noch keinem Film von Paul Thomas Anderson. Warner Bros.
So viel Action gab es in noch keinem Film von Paul Thomas Anderson.

Zur Inszenierung muss ich aber unbedingt festhalten, dass man zwar die besten Ideen und Setups haben kann, aber das zählt alles nichts, wenn man nicht mit großartigen Fahrer*innen und Stuntkoordinatoren arbeitet, die mit den Autos wirklich die unglaublichsten Dinge anstellen können. Das ist wie bei Schauspieler*innen: Was nützt die Geschichte, wenn sie niemand glaubwürdig verkörpert?

Aber ein Geheimnis darf ich dir verraten, das ich beim Dreh der Szenen gelernt habe. Es ist auch etwas langweilig. Man dreht alles ja nur Stück für Stück, um es sicher zu halten. Wenn es dann zusammengeschnitten ist, sieht das unglaublich aus – aber der Dreh von Auto-Action selbst ist langsam und mühsam.

Paul Thomas Anderson über das wahre Highlight seines Films

FILMSTARTS: Dein Film hat ja nicht nur rasante Action und viel Humor, sondern auch diese intime Vater-Tochter-Geschichte im Zentrum. Mich hat besonders beeindruckt, wie es immer wieder zu diesem emotionalen Kern zurückgeht, der das eigentliche Highlight des Films ist. Wie hast du es geschafft, dass das nicht zwischen all den lauten Momenten verloren geht?

Paul Thomas Anderson: Ich muss dir erst mal danken, dass du das sagt. Denn das nehme ich als großes Kompliment für den Film. Vielleicht hat es mir da geholfen, dass Action, wie ich dir ja gerade verraten habe, beim Dreh dann doch eigentlich ziemlich langweilig ist. Was dagegen wirklich fesselnd ist: mit Leonardo DiCaprio und Chase Infiniti zu arbeiten und zu erleben, wie sie diese Figuren spielen. Das ist mindestens genauso aufregend, wie Autos von Klippen zu werfen.

Chase Infiniti ist die Entdeckung von Warner Bros.
Chase Infiniti ist die Entdeckung von "One Battle After Another".

Und hier hat mir geholfen, dass ich eine sehr tiefe, persönliche Bindung zu dieser Geschichte habe. Ich weiß, wie es ist, Kinder zu haben. Ich weiß, wie es ist, so zu fühlen wie Bob. Ich kann versuchen zu verstehen, wie es ist, Willa zu sein. Und ich hoffe, man spürt einfach, dass diese Momente mit den Figuren mir mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger sind.

Wie macht man einen Bösewicht lustig und trotzdem furchteinflößend?

FILMSTARTS: Wo wir schon von der Besetzung reden, müssen wir kurz auch zu Sean Penn schwenken. Seine Darstellung als Bösewicht ist außergewöhnlich. Ich musste schon lachen, wenn er sich nur bewegt. Aber trotzdem ist diese groteske Figur nicht lächerlich, sondern ungemein furchteinflößend. Wie hast du diese Balance gefunden?

Paul Thomas Anderson: Das ist eine sehr gute Frage und meine ehrliche Antwort ist: Ich weiß es nicht. Es war wahrscheinlich ein instinktiver Ansatz. Manchmal ist etwas so überzogen, dass es fast lustig wirkt – aber es muss immer aus der Ernsthaftigkeit der Figur heraus kommen.

In der Figur stecken extreme Widersprüche: Seine wahren Gefühle und Sehnsüchte stehen im Gegensatz zu seiner Verbissenheit, sie zu unterdrücken. Das macht ihn komplex, halb lächerlich, aber auch zutiefst menschlich. Und über allem steht, dass er unbedingt Teil des „Christmas Adventurers Club“ werden will. Wenn man dieser Motivation treu bleibt und sie versteht, dann funktioniert er.

Und Sean hat das Talent, innerhalb von Sekunden von halb lächerlich zu absolut furchteinflößend zu wechseln. Das ist seine Gabe.

Hat in den Fängen seiner Widersacherin einen Ständer und ist trotzdem furchteinflößend: Sean Penn als Lockjaw. Warner Bros.
Hat in den Fängen seiner Widersacherin einen Ständer und ist trotzdem furchteinflößend: Sean Penn als Lockjaw.

FILMSTARTS: Wir müssen noch mal kurz über die einzigartige Optik reden. Du hast eine VistaVision-Kamera verwendet. Du hast diese schon einmal bei „Anima“ eingesetzt, aber noch nie für einen Spielfilm. Was hat dich zu diesem alten Format hingezogen – mit all seinen technischen Herausforderungen?

Paul Thomas Anderson: Wir haben bereits 2011 bei „The Master“ mit dieser Kamera getestet – und das hat mich nicht mehr losgelassen. Bei „Anima“ hatte ich dann das Gefühl, sie gut genug zu verstehen, um sie wirklich mal einzusetzen. Dabei habe die Technik weiter kennengelernt und den Umgang mit ihr geübt.

Und seit 2019 bis zum Dreh dieses Films habe ich weiter getestet, und wir hatten das Glück, dass Giovanni Ribisi [Anm.: u. a. aus „Avatar“ bekannter Schauspieler und bekennender Kameraliebhaber] mit seiner Firma eine der Kameras extra für uns angepasst hat. Als der Dreh von „One Battle After Another“ losging, waren wir deswegen bereit und wussten genau, was diese Kamera kann.

Und es hat sich absolut gelohnt. Das VistaVision-Format ist sehr vielseitig. Man kann großartige IMAX-Versionen daraus ziehen, 70mm-Kopien herstellen, 35mm-Abzüge – alles sieht fantastisch aus.

Doch als Filmemacher liebe ich besonders, wie flexibel das Format ist. Es eignet sich perfekt für die ganz großen Szenen wie auch für die kleinen Momente. Du kannst ein Close-Up auf ein Gesicht wunderbar filmen, aber ebenfalls diese epischen Landschaften. Und auch Auto-Verfolgungsjagden und sonstige Actionszenen sind damit sehr dynamisch.

Dieser Song-Klassiker aus "Schweigen der Lämmer" ist endlich nicht mehr furchteinflößend

FILMSTARTS: Tom Pettys „American Girl“ ist so ein wunderbarer letzter Song für diesen Film, weil er letztlich wieder deutlich macht, dass es Willas Geschichte ist. Wie hast du die vielen Songs, die ja auch eine Menge erzählen, ausgewählt?

Paul Thomas Anderson: Das ist manchmal wirklich pures Glück. Ich habe zum Beispiel am ersten oder zweiten Drehtag auf dem Weg zur Arbeit einen Song der Band Steely Dan gehört und dachte sofort: „Das ist ein Geschenk.“ Ich habe ihn Leo direkt vorgespielt und gesagt: „Ich glaube, ich habe dein Titellied.“

„American Girl“ kennt natürlich jeder. Aber mein Held und Freund Jonathan Demme hat ihn mit „Das Schweigen der Lämmer“ zum vielleicht furchteinflößendsten Song aller Zeiten gemacht. Jedes Mal, wenn er im Radio lief, bekam ich einen Knoten im Magen, weil er so mit diesem Film verbunden ist. Jetzt hoffe ich, dieses Lied ein wenig mit meiner abschließenden Botschaft zurückgeholt zu haben – von furchteinflößend zu hoffnungsvoll.

One Battle After Another“ läuft seit dem 25. September 2025 in den deutschen Kinos. Warum ihr unbedingt ins Kino gehen müsst, verraten wir euch in unserer 5-Sterne-Kritik!

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