Nachdem alle 21 Filme des Wettbewerbs der 82. Filmfestspiele von Venedig gezeigt wurden, waren sich die Expert*innen einig: Die siebenköpfige Jury um ihren Präsidenten Alexander Payne („The Holdovers“) würde sich entscheiden müssen, ob sie den Goldenen Löwen in diesem Jahr vor allem aus einer politischen oder einer künstlerischen Motivation heraus vergeben will. Für beide Varianten gab es eindeutige Favoriten: Auf der künstlerischen Seite das zärtliche Meisterwerk „Silent Friend“, in dem die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi drei Geschichten aus 112 Jahren miteinander verknüpft, die sich alle um denselben Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität Marburg drehen.
Aus politischen Gründen gab es hingegen kaum einen Weg vorbei an „The Voice Of Hind Rajab“, in dem die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania die realen Tonaufnahmen des titelgebenden sechsjährigen Mädchens verwendet, die am 29. Januar 2024 den Notruf anrief, weil sie nach Beschuss durch die israelische Armee gemeinsam mit sechs bereits getöteten Familienmitgliedern in einem Auto in Gaza feststeckte. Der Film schildert nahezu in Echtzeit die verzweifelten Versuche der Hilfsorganisation Roter Halbmond, irgendwie Hilfe für Hind Rajab zu organisieren. Im Anschluss an die Premiere gab es eine 22-minütige Standing Ovation, die wohl auch nur deshalb endete, weil sie Verantwortlichen irgendwann das Licht im Sala Grande gedimmt haben.
Aber Pustekuchen: Der Goldene Löwe 2025 geht an „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch, während sich „The Voice Of Hind Rajab“ mit dem zweiten Platz (Großer Preis der Jury) und „Silent Friend“ sogar mit dem Preis für den besten Nachwuchsstar zufriedengeben mussten. Überraschend ist der Sieg vor allem deshalb, weil der aus drei nicht direkt zusammenhängenden Episoden bestehende „Father Mother Sister Brother“ zwar von vielen als charmant-sympathische, aber trotz der vielen Stars um Cate Blanchett, Adam Driver und Charlotte Rampling auch als vergleichsweise bescheidene Komödie wahrgenommen wurde.
Die Übersicht über alle Preisträger
- Goldener Löwe für den besten Film: „Father Mother Brother Sister“
- Silberner Löwe – Großer Preis der Jury: „The Voice Of Hind Rajab“
- Silberner Löwe – Beste Regie: Benny Safdie für „The Smashing Machine“
- Coppa Volpi – Beste Darstellerin: Xin Zhilei für „The Sun Rises On Us All“
- Coppa Volpi – Bester Darsteller: Toni Servillo für „Grace“
- Bestes Drehbuch: Valérie Donzelli und Gilles Marchand für „At Work“
- Spezialpreis der Jury: „Below The Clouds“
- Marcello-Mastroianni-Preis für die beste schauspielerische Leistung einer Nachwuchsdarstellerin oder eines Nachwuchsdarstellers: Luna Wedler für „Silent Friend“
Der Venedig-Wettbewerb 2025
- „At Work“ von Valérie Donzelli (2 Sterne von FILMSTARTS)
- „Below The Clouds“ von Gianfranco Rosi (3 Sterne von FILMSTARTS)
- „Bravo Bene!“ von Franco Maresco
- „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos (4 Sterne von FILMSTARTS)
- „Duse“ von Pietro Marcello
- „Elisa“ von Leonardo Di Costanzo
- „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „Frankenstein“ von Guillermo del Toro (4 Sterne von FILMSTARTS)
- „Girl“ von Shu Qi
- „Grace“ von Paolo Sorrentino (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „A House Of Dynamite“ von Kathryn Bigelow (4 Sterne von FILMSTARTS)
- „Jay Kelly“ von Noah Baumbach (3 Sterne von FILMSTARTS)
- „No Other Choice“ von Park Chan-wook (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „Orphan“ von László Nemes (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi (5 Sterne von FILMSTARTS)
- „The Smashing Machine“ von Benny Safdie (4 Sterne von FILMSTARTS)
- „Der Fremde“ von François Ozon (2,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „The Sun Rises On Us All“ von Cai Shangjun
- „The Testament Of Ann Lee“ von Mona Fastvold (4 Sterne von FILMSTARTS)
- „The Voice Of Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
- „The Wizard Of The Kremlin“ von Olivier Assayas (3,5 Sterne von FILMSTARTS)
Aber nicht nur im Wettbewerb, auch in den sonstigen Sektionen gab es einiges zu entdecken. So stammt einer der besten Filme der wichtigsten Nebenreihe Orizzonti sogar aus Deutschland:
Endlich ist es so weit: Kurz vor Schluss feiert heute die große deutsche Hoffnung beim Filmfest in Venedig ihre Weltpremiere – bestimmt mit ganz viel Negroni!